Leipzig, 11th June 1916

Karl Straube to Niels-Otto Raasted

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Letter
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11th June 1916 (source)
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Leipzig
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unknown

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Mein lieber Raastedt!
Heute sagte mir Robert-Hansen, er führe im Sommer nach Dänemark […]

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Karl Straube, Briefe eines Thomaskantors, hrsg. von Wilibald Gurlitt und Hans-Olaf Hudemann, Stuttgart 1952, S. 233

1.

Leipzig, d. 11.Juni 1916

Mein lieber Raastedt!
Heute sagte mir Robert-Hansen, er führe im Sommer nach Dänemark. Da wurde meine Sehnsucht nach meinen lieben Freunden und dem schönen Lande so groß, daß ich Ihnen doch heute noch schreiben möchte. Wann wird der Tag kommen, der uns wieder zusammen führt? – Ich glaube, alle meine ursprünglichen Aussagen über Kriegsdauer, wie ich zum Entsetzen meiner Bekannten 1914 formulierte, werden in Erfüllung gehen. Aber dann komme ich sogleich nach Friedensschluß nach Kopenhagen. — Ich stehe noch immer unter dem Eindruck vom Tode Max Regers. Je mehr die Zeit dahinrinnt, um so lastender wird der Verlust. Die Tatsache wirkte zunächst so irrational, daß sie in ihrer Schwere und Größe garnicht erkannt wurde. — Ich bin der letzte gewesen, der mit ihm gesprochen. Als ich von ihm ging, — er hatte anscheinend einen Magen- oder Gallensteinanfall überwunden — ahnte weder er noch ich, daß wir die letzten Worte zu einander sprachen.
Ich zog ihn aus und legte ihn ins Bett. Er sprach dann noch ein paar gütige Freundesworte und schenkte mir die Korrekturbogen seiner letzten Partituren mit seinen handschriftlichen Bemerkungen. Am andern Morgen stand ich vor seinem Leichnam. — Die Größe des Ausdruckes in seinem Gesicht werde ich niemals vergessen. Keine der bekannten Totenmasken, Goethe, Wagner, Beethoven, hat auch nur annähernd die gleiche Monumentalität des seelischen Ausdruckes. Sie wissen, daß er ein innerlich frommer, streng gottesgläubiger Mensch war. Sein Antlitz sprach davon, welche Gespräche er mit seinem Gott und Heiland geführt haben muß, als er auf der Wanderschaft war zu jenem unbekannten Land, „von dess’ Bezirk kein Wandrer wiederkehrt.“ Nun ist er dahin. – Seine letzten Werke liegen vor mir, und ich habe die Korrekturen zu lesen.1 Darunter ein Klarinetten-Quintett (op. 146), das von solch unerreichter Schönheit ist, daß Regers Hingehen wie ein Durchschneiden einer Entwicklung zur höchsten künstlerischen Meisterschaft erscheint. Dieses Quintett zeigt klar und deutlich, welch unersetzbaren Verlust nicht nur wir Deutschen, sondern die ganze musikalische Welt erlitten hat. —
Über Ihre Choralfantasien für Chor schreiben ich Ihnen ein ander Mal. Die Form ist gut. Vielleicht ließe sich die Sache noch freier und luftiger gestalten. Den Chorsatz finde ich hin und wieder unpraktisch, unnötig schwer und nicht ganz getroffen in den Klangwirkungen. Ich meine, Ihre Phantasie hörte etwas anderes, als dann niedergeschrieben worden ist. Aber darüber müßten wir mündlich Takt für Takt sprechen. — Nun leben Sie wohl, Ihnen und der Gattin die allerherzlichsten Grüße
Ihres getreuen Karl Straube


1
In einem Brief vom 19. Juli 1916 an Willibald Gurlitt bestätigte Straube dies: »Von den letzten, schon im Druck befindlichen Werken Max Regers habe ich die Korrekturen gelesen.« (Original unbekannt, Kopie in Stadtbibliothek München)
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Karl Straube to Niels-Otto Raasted, Leipzig, 11th June 1916, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_postObj_01013515.html, last check: 13th April 2024.

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