Waldemar Lütschg

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Gender
male
Profession
pianist
Birth
16th May 1877
Death
29th August 1948
MRI-Identifier
mri_pers_00247

Name
Waldemar Lütschg
Used Name
Waldemar Lütschg

References to Reger
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References to others

1.

1.1.

Waldemar Lütschg (um 1900), Atelier Victoria (Paul Gericke), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv, Signatur: Mus.P. Lütschg, W. I,1
Waldemar Lütschg (um 1900), Atelier Victoria (Paul Gericke), Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv, Signatur: Mus.P. Lütschg, W. I,1

Geboren am 16. Mai 1877 in St. Petersburg, erhielt Waldemar Lütschg Klavierunterricht von seinem Vater Karl Lütschg (1839–1899), einem deutschstämmigen Komponisten und Klavier-Professor am dortigen Kaiserlichen Konseravtorium. 1896 trat er als Solist im Klavierkonzert von Adolf Henselt erstmals öffentlich auf1 und gab dann Anfang 1897 als Clavierankömmling2 ein vielbeachtetes Debüt in der Berliner Singakademie mit Orchester, bei dem er unter anderem Schumanns Klavierkonzert a-Moll spielte.3 Lütschg entwickelte sich in den darauffolgenden Jahren zu einem viel gefragten Konzertpianisten, der europaweit auftrat. Das Zentrum seines Wirkens und sein Lebensmittelpunkt blieben dabei Berlin.
Im November 1898 berichteten die Dresdner Nachrichten, dass Lütschg “mit dem Vortrag des Klavierconcerts in A-dur von Liszt die Gunst der Hörer im Sturme gewann. Eine großzügige Auffassung, ein klarer und schöner Anschlag, eine brillante Technik und ein musikalisches Spiel, das überall ein feines Empfinden verräth, fielen von vornherein auf. Liszt scheint dem jungen Künstler, dessen Vortragsart etwas Bravouröses an sich hat, besonders zu liegen, aber auch Chopin’s F-moll-Fantasie spielte er ganz entzückend, während das Mozart’sche Adagio nicht gerade glücklich gewählt war; es wirkte wie ein aus dem Ganzen herausgebrochener Torso und ließ ziemlich kühl. Warum eine derartige Reverenz vor einem Klassiker, wenn man in spezifisch Modernem Bedeutendes leistet? Man kann und braucht nicht Alles zu können, und daß Herr Lütschg zu den Auserwählten unter den Berufenen gehört, hatte er vollauf an Chopin und Liszt bewiesen. […] Der ganze Abend war getragen von herzlichem Beifall, und namentlich der Solist wurde durch zahlreiche Hervorrufe verdienter Maßen ausgezeichnet. Er wird, wenn uns nicht Alles täuscht, noch viel von sich reden machen.”4 1903 porträtierte die Berliner Zeitschrift Die Woche den jungen Pianisten im Rahmen ihres Specials »Junge Talente« und resümierte: “Er wird heute ohne Widerspruch den Ersten seines Faches zugerechnet.”5 Lütschg konzentrierte sich in seinen Klavierabenden, von denen viele im Berliner Beethovensaal und in der Singakademie stattfanden, oftmals auf Werke Beethovens, Liszts, Chopins, Schumanns und Brahms’. Seine starke Präsenz im Konzertleben der Stadt fand auch kritische Stimmen. In der Berliner Börsen-Zeitung etwa hieß es:“Wie viele seiner Collegen verbraucht er sich zu sehr im Berliner Concertbetrieb; anstatt in einem Jahre drei Concerte, sollte er alle drei Jahre ein Concert in Berlin geben.”6Lütschg wirkte in Berlin auch als Klavierlehrer7 und unterrichete 1902 erstmals vertretungsweise an der Berliner Musikhochschule.8 In der Saison 1905/06 war Lütschg Dozent am Chicago Musical College und unternahm eine USA-Tournee, die mit einem Gastspiel beim Boston Symphony Orchestra begann.9

1920 übernahm Lütschg an der Hochschule für Musik Berlin die Klavierklasse von Ernst von Dohnányi. Der seit 1871 am Institut lehrende Heinrich Barth hatte ihn, nicht zuletzt, da er sich als Schumann-Interpret einen Namen gemacht hatte, für diese Position vorgeschlagen, die seit von Dohnányis Rückkehr nach Ungarn 1915 vakant geblieben war. Laut Dietmar Schenk konnte Lütschg die in ihn gesetzten Hoffnungen jedoch “nur zum Teil” erfüllen: “In den zwanziger Jahren stockte seine pianistische Laufbahn, und die Misserfolge im Konzertleben beeinträchtigen seine Lehrtätigkeit. Trotzdem blieb Lütschg bis 1939 als Hochschullehrer tätig.”10 Wie einst sein Vater betätigte er sich zudem als Editor von Klaviermusik und gab bei Cotta je einen Band mit Ausgewählten Klavierwerken von Franz Liszt (ca. 1920) und mit Werken Russischer Klaviermeister (A. Borodin, M. Glinka, M. Mussorgsky, A. Rubinstein und P. Tschaikowsky; ca. 1927) in instruktiven Ausgaben heraus.
Über sein Wirken nach 1939 ist nichts bekannt. Waldemar Lütschg starb am 29. August 1948 in Berlin.


1
Artikel »Lütschg, Waldemar«, in International Who’s Who in Music and Musical Gazetteer. A contemporary biographical dictionary and a record of the world’s musical activity, edited by César Saerchinger, first edition, New York 1918, S. 386.
2
N. N., Rubrik »Berliner Nachrichten«, in Signale für die Musikalische Welt 55. Jg., Nr. 16 (26. Februar 1897), S. 249.
3
Der Rezensent der Signale für die Musikalische Welt bemerkte anerkennend, dass Lütschg “den obersten Gipfel der Technik beinahe erklommen” habe, bemängelte jedoch seine “russische Kraftnatur”, die noch “zu einem allzu derben Angreifen des Instruments” führe (ebda.).
4
H. St., Rubrik »Kunst und Wissenschaft«, in Dresdner Nachrichten 43. Jg., Nr. 311 (11. November 1898), S. 2f.
5
Heinrich Neumann, »Junge Talente«, in Die Woche 5. Jg., Nr. 23 (6. Juni 1903), S. 1026–1030, hier: S. 1028.
6
B. H., »Kunst und Wissenschaft«, in Beilage der Berliner Börsen-Zeitung Nr. 519 vom 5. November 1903, Morgen-Ausgabe, S. 7.
7
Zu seinen Schülern gehörte auch das ca. achtjährige chilenische Wunderkind Claudio Arrau (1903–1991), der jedoch keine guten Erinnerungen an sein Unterrichtsjahr bei Lütschg hatte (vgl. Claudio Arrau, Leben mit der Musik, aufgezeichnet von Joseph Horowitz, deutsch von Rudolf Hermstein, Bern u.a. 1984, S. 52f.).
8
Vgl. Dietmar Schenk, Die Hochschule für Musik zu Berlin. Preußens Konservatorium zwischen romantischem Klassizismus und Neuer Musik, 1869–1932/33, Stuttgart 2004 (= Pallas Athene Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, Bd. 8), S. 128.
9
Vgl. das Vorwort in der vom Chicago Musical College erstellte Broschüre Waldemar Lütschg. The Great Russian Pianist. Concerts in America. Season 1905–1906.
10
Schenk (wie Anm. 6), S. 128 (ebenso vorheriges Zitat).

1. Reger-Bezug

Reger widmete Lütschg die im März/April 1903 entstandene Klavierbearbeitung von Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge Es-Dur BWV 552 (Bach-B7), wobei ihm der Interpret möglicherweise eine Aufführung in Aussicht stellte. Dementsprechend schrieb Reger an seine Verleger Lauterbach & Kuhn in Leipzig: “Ich bitte Sie sehr, das Arrangement sofort in Druck zu geben, da Herr Lütschg die Bearbeitung baldmöglichst braucht, da er es für nächste Saison aufs Repertoire nimmt! […] Als Honorar bitte mir 100 M (Einhundert Mark) gut zu schreiben” (Brief vom 7. April). Eine Aufführung des Werks durch Lütschg ist jedoch nicht nachgewiesen. Zwar berichtete Rudolf Maria Breithaupt im Januar 1904 in der Zeitschrift Die Musik, zuvor in Berlin von Lütschg “zwei charakteristische Stücke von Reger” gehört zu haben, “die hochoriginell und voll interessanter Klavierformen” gewesen wären1, doch ist nicht dokumentiert, um welche Werke sich handelt.2 Im August ließ Reger Lütschg seine Opera 81 und 82 zukommen.3 Ob sich Reger und Lütschg auch persönlich begegnet sind, ist nicht bekannt.


1
Rudolf M. Breithaupt, Rubrik »Kritik: Konzert, Berlin«, in Die Musik 3. Jg., Heft 7 (erstes Januar-Heft 1904), S. 69.
2
Die digital verfügbaren Berliner Tageszeitungen erwähnen für den fraglichen Zeitraum zwei Klavierabende von Lütschg im Berliner Beethovensaal (3. und 26. November 1903), die entsprechenden Rezensionen nennen jedoch keine Werke von Reger.
3
Vgl. Beilage zum Brief Regers vom 23. August 1905 an Lauterbach & Kuhn, in Lauterbach & Kuhn-Briefe 2, S. 44.
Object reference

Waldemar Lütschg, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_pers_00247.html, version 4.0, 18th December 2025.

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