München, 20th September 1902
Max Reger to Max Kuhn, Lauterbach & Kuhn
Berlin,
Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz,
Musikabteilung,
Mus.ep. Max Reger 119
- Max Reger
Lieber Herr Dr!
Vorab die Bitte um Entschuldigung, wenn ich Ihren so überaus freundlichen Brief […]
- Six Songs op. 68
- Seventeen Songs op. 70
- “Wer nur den lieben Gott lässt walten” BWV 93 Bach‑H1
Max Reger, Briefe an die Verleger Lauterbach & Kuhn. Teil 1 [1902–05], hrsg. von Susanne Popp, Bonn 1993 (= Veröffentlichungen des Max-Reger-Instituts, Bd. 12), S. 26–29
1.
München, Wörthstr. 35 I
20. Sept. 1902.
Lieber Herr Dr!
Vorab die Bitte um Entschuldigung, wenn ich Ihren so überaus freundlichen Brief erst heute beantworte; allein meine liebe Braut, die sich Ihnen bestens empfehlen läßt, ist seit einigen Tagen hier, u. da können Sie Sich wohl denken, daß ich nicht so schnell zum Schreiben komme! Also freundl. Entschuldigung! Anbei sende ich Ihnen per + Band Nº 38 der Freistatt, wo Sie Seite 497 die Antwortauf Herrn Dr Göhler (Kunstwart) lesen werden; in der Freistatt liegt August Nº des Organum, u. bitte ich Sie, da freundlichst den Leitartikel Max Reger zu lesen! Ich brauche Ihnen wohl nicht extra zu versichern, daß ich beiden Aufsätzen volltändig ferne gegenüberstehe.
Die Besprechung in Musik= u. Theaterwelt habe ich gelesen u. mich über die wirklich vorsündflutlichen Ansichten des Herrn Dubitzky weidlich amüsiert! Wenn Sie wie ich wüßten, welche notorischen geistigen Impotenzen man oft als Kritiker in Fachblättern (dazu noch in einem solchen wie die Musikwelt) zu Worte kommen läßt, würden Sie Sich über solche Quacksalbereien nicht aufregen. Opposition gegen eine Neuerscheinung war bisher noch nie schädlich – hat nur dazu beigetragen u. trägt nur dazu bei, den Namen bekannter zu machen! „Viel Feind, viel Ehr!“
Wenn man meine Werke nicht gründlich ansieht u. sich Mühe gibt, in diese Sprache einzudringen, dann nimmt es mich u. viele, viele, die mich verstehen, nicht im Geringsten wunder, wenn schiefe = resp. Verdammungsurtheile gefällt werden. Glücklicherweise habe ich da nun ein unglaublich dickes Fell, u. ebenso habe ich doch schon evident bewiesen, daß ich mit meinem Schaffen nicht aufdem Holzwege bin!
Ihr freundliches, so überaus [freundliches] Anerbieten betreff Concert hat mich wahrhaft gerührt! Aber ich finde, daß es jetzt nicht notwendig ist: im November a. c. singt Frau Professor S. Dessoir (eine ausgezeichnete Sängerin) in Berlin schon so wie so 9 Lieder von mir in 2 Concerten. Da ich nun die Absicht habe, Herrn Ludwig Hess diesen Winter 17 neue Lieder zu widmen, zu denen ich die wundervollsten, alle alle Gebiete des menschlichen Empfindens berührenden Texte habe, so wird Herr Hess wohl nach Erscheinen dieser Lieder op 69 oder 70 die Freundlichkeit haben, einen nur Reger–Liederabend in Berlin zu veranstalten, ohne Honorar zu beanspruchen! Auf diese Weise wären 500 M erspart; Herr Hess sprach vorigen Winter selbst zu mir von einem solchen Concert! Außerdem werden dann noch mehr Artikel über mich erscheinen, so daß dann das Regerconcert in Berlin in der Saison 1903/1904 mehr Erfolg hat!
Auf diese Weise kostet die Propaganda nicht so viel Geld! – Selbstredend ist, daß ich selbst die Lieder begleite! (Es kommen nämlich wie ich bestimmt weiß, in mehreren Zeitschriften balde größere Artikel über mich!)
Ende September sende ich Ihnen nebst der Cantate „Wer nur den lieben Gottläßt walten“ noch mein op 68 – Sechs Lieder. Die 17 Gesänge „an Ludwig Hess“ (op 70 wahrscheinlich) reserviere ich Ihnen u. erhalten Sie dieselben so Ende Dezember a. c.
Ich denke, daß es so wie ich es Ihnen soeben vorschlug am Besten sein wird.Ich rede mit Herrn Hess selbst darüber, wenn er diesen Winter nach München kommt.
Und nochmals die Bitte: lassen Sie u. Herr Lauterbach Sich von einer Opposition gegen meine Werke nicht einschüchtern! Bisher kam die Opposition stets von solcher Seite, d. h. von solchen musikalischen „Größen“, die weder ich noch viele, viele, viele, auch nicht auf den Kopf gefallene Musiker ernst nehmen können.
Auf die rüde Anrempelung von Dr Göhler im Kunstwart bekam ich von allenmöglichen Seiten solche Zuschriften, daß man empört sei über diese durchaus nicht objektive, sondern höchst subjektive Anrempelung, welche längst demn Charakter einer Kritik verloren habe, daß man es Geradezu als Hohn empfinde,wenn man (Dr G.) op 1 Nº 1 des ganz bescheiden als Komponisten veranlagten Paul Gerhardt über meine Sachen stellt!
Dr Göhler kann ja gar nichts Besseres thun, als solche Urtheile über mich zu publicieren, denn schneller u. gründlicher kann ihn niemand diskreditieren als er sich selbst mit solchen Urtheilen! Ich überlasse in dieser Beziehung alles dergerecht urtheilenden „Geschichte“ – u. die Geschichte wird wohl eines Tages auchdem bekannten Stumpfsinn der Deutschen die Augen öffnen, ob ich wirklich soauf dem Holzwege bin! Und zwar wird dies wohl sehr balde geschehen, so daß sich für meine Herren Verleger nicht nur ein moralischer, sondern auch höchst erfreuli-cher pekuniärer Erfolg einstellen wird.
Nehmen Sie zum Schlusse nochmals meinen allerherzlichsten Dank für Ihr so freundliches, mich rührendes Interesse entgegen u. seien Sie nicht böse, wenn ich Ihren so sehr freundlichen Vorschlag betreff Concert vorläufig etwas hinausschiebe um das Honorar an Herrn Hess zu sparen. Dann noch die Bitte Herr Lauterbach bestens zu grüßen u. alles, was dieser Brief enthält à discretion.
Mit den schönsten herzlichsten Grüßen u. Empfehlungen (auch von meiner lieben, lieben Braut) besonders von mir
Ihr in aufrichtigster Freundschaft ergebenster Max Reger.
Nochmals besten Dank u. die Bitte, mit meinem Vorschlag betr. Concert einverstanden zu sein.
Die Correkturen der Lieder op 66 folgen balde zurück.
Object reference
Max Reger to Max Kuhn, Lauterbach & Kuhn, München, 20th September 1902, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_postObj_01005220.html, version 4.0, 18th December 2025.
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