München, 20th February 1903
Max Reger to Carl Lauterbach und Max Kuhn, Lauterbach & Kuhn
Karlsruhe,
Max-Reger-Institut/Elsa-Reger-Stiftung,
Ep. Ms. 2610
- Max Reger
Meine sehr verehrten Herren!
In dem Briefe, den ich heute an Sie schrieb resp […]
gelocht
- Seventeen Songs op. 70
- “Wer nur den lieben Gott lässt walten” BWV 93 Bach‑H1
- “Es ist das Heil uns kommen her” BWV 9 Bach‑H2
Max Reger, Briefe an die Verleger Lauterbach & Kuhn. Teil 1 [1902–05], hrsg. von Susanne Popp, Bonn 1993 (= Veröffentlichungen des Max-Reger-Instituts, Bd. 12), S. 99–101
1.
München, Wörthstraße 20
Freitag 20. II. 1903, abends 11 Uhr.
Meine sehr verehrten Herren!
In dem Briefe, den ich heute an Sie schrieb resp absandte hab' ich mehreres vergessen!
1.) Muß ich Ihnen die Urfeine u. Urnoble Geschichte vermelden! Also hören Sie u. staunen Sie ob solcher wohl noch nicht dagewesener Noblesse:
Vor circa 14 Tagen kam Frau Loritz (Ehegattin des Konzertsängers Loritz) zu uns mit einem sehr „geschwollenen“ Gesichte – kurz ich merkte sofort, daß was los war! Endlich platzte sie los: ich hätte Herrn Hess engagiert; ihr Mann u. sie wären darüber sehr wütend u. „jetzt wo es mit Reger was zu verdienen gibt (Frau L. meint das Honorar an Heß), da wird ihr Mann einfach auf die Seite geschoben, da es Herr Heß wohl besser macht“ (mit viel Spott vorgetragen – Anmerkung) Und ihr Mann wäre darüber so beleidigt (und Frau Loritz hat wie ich aus sicherster Quelle weiß noch das Nötige in ihren Mann hineingehetzt) kurzum Loritz ist so beleidigt, daß er nie mehr etwas von mir singen wird!
Thatsächlich hat Loritz seitdem, wo er in 4 Liederabenden Gelegenheit gehabt hätte, Reger zu singen, nichts mehr von mir gesungen! Er hat es bestimmt geäußert, daß er nichts mehr von mir singt! Obwohl ich der Frau L. sofort anbot, ihr die Korrespondenz mit Ihnen, d. h. Ihre Briefe vorzulegen, aus denen unzweideutigst hervorgeht, daß Sie Herrn Heß engagiert haben, ehe ich definitive Nachricht von Ihren Entschlüssen betr. Heß hatte – das ist doch Ihre Sache u. Ihr Recht – kurzum, es wird einfach nicht geglaubt – im Gegentheil: ich hätte das schon abgeschlossene Engagement des Herrn Heß wieder rückgängig machen sollen u. unter allen Umständen Loritz doch wenigstens 1 Abend zukommen lassen!
Nun welch blühender Blödsinn solch ein Verlangen NB bei schon erfolgtem Engagement des Herrn Hess ist, darüber brauchen wir gar keine Worte zu verlieren!
Letzten Mittwoch kam Frau Loritz abends 5 Uhr zu uns, wo ich mit Bergen zu Leipzig 3. März probte – kaum erfährt sie, daß Bergen in Leipzig singt – mit tiefverletztem Gesichte schob sie ab; die Frau ist eben so unglaublich größenwahnsinnig, daß sie der Meinung ist, nur ihr Mann dürfte Liederabende geben u. ich hätte die schwerste moralische Pflicht, sie vorher um allergnädigste Erlaubnis unterthänigst zu bitten, ob ich auch mal einen anderen Sänger begleiten darf. Nächstens wird sie wohl ankommen, daß ich ihr alle Aufführungsrechte von den sämmtlichen Werken meines ganzen Lebens auf ewig übertragen muß! Nun; schon letzte Weihnachten warf sie meiner Frau vor, daß ihr Mann, als er am 28. XII. 1902 Schillings, Peters, Mykorey u. Reger sang, da 45 M Defizit gehabt hat, weil er Reger gesungen habe – worauf ich sofort antwortete, daß ich mich an Schillings wende, daß er u. ich Loritz das Defizit ersetzen! Sie, meine sehr verehrten Herren, werden es wohl nun verstehen, wenn ich Loritz nie mehr ersuchen werde von mir was zu singen, u. ich hoffe, Sie werden mir darin Recht geben! Zwar hat der Deutsche ein bißchen Bedientenseele in sich – allein solch ein Stiefelputzer bin ich doch nicht, daß ich Frau Loritz als allein ausschlaggebende Instanz meiner künstlerischen Zukunft ansehen kann! Gegen eine gewisse Eigenschaft kämpfen eben selbst die Götter vergebens!! Nicht wahr, Sie stimmen mir doch vollständigst bei, daß ich Loritz nie mehr ersuche! Ihn nochmals zu ersuchen, würde sich mit dem Ruf Ihrer Firma – als meinem Verleger – absolut nicht vertragen!
Darüber d. h. über die Loritzaffaire mündlich mehr!
Nicht wahr, Sie sind ebenfalls baff über solche urnoble Gesinnung! Das ist eine wahre Parodie auf „Genie oblige“!
2) Betreff des Honorars der 17 Lieder op. 70; 17 Lieder würden 850 M Honorar ergeben; ich bitte Sie sehr, mir 800 M gut schreiben zu wollen u. die restierenden 50 M für die Zinsen für die Summe, welche Sie jetzt vorschußweise für die Konzerte Hess, (2) Bergen, Dessoir bezahlen, zu nehmen! Ich bitte da sehr um Ihr Einverständnis!
Ferner bitte ich Sie, nachdem Herr Straube von mir Honorar fürs Konzert am 4. März, nicht annimmt, dann das Defizit, des Konzertes am 4. März für mich einstweilen auslegen zu wollen u. so 400 M pro anno nach u. nach abzuziehen. Nicht wahr, auch damit sind Sie einverstanden! Nun adieu bis morgen! Bitte sehr, erzählen Sie Herrn Straube die Affaire Loritz!
Sonntag nachmittags!
Besten Dank für heute erhaltene Karte. Anbei finden Sie Ausschnitt aus Allgemeiner Zeitung München, 20. III. 03 aus Wiener Musikbrief von R. Heuberger.
Also definitiv: wir kommen nächsten Mittwoch abend 5 58 Uhr bayerischer Bahnhof in Leipzig an; Die Fahrt ist nicht so sehr anstrengend, wir können dann schon noch ganz gut ins Straubeconcert gehen; bitte fürs Straubeconcert am 25. Febr. um 2 Billete für uns! Viel Dank im Voraus für Besorgung dieser 2 Karten.
An Herrn Heß habe ich vor circa 8 – 10 Tagen Programm und Texte(genau so wie an Sie) zum Liederabend gesandt; habe an Wolff gestern noch selbst geschrieben! Hoffentlich hat Herr Hess an Wolff die Texte gegeben!
Die Korrektur der Bachcantate I [Bach-H1] kann ich unmöglich mitbringen; bis Ende März haben Sie selbe sicher; ich arbeite jeden Tag eine volle Stunde an den Korrekturen, bin in den letzten 14 Tagen keine Nacht vor 1 Uhr zum Schlafen gekommen, immer am Schreibtisch gesessen! In 14 Tagen, spätestens 3 Wochen kann ja dann die Bachcantate Nr I [Bach-H1] gedruckt sein; ich schätze, so daß die Bachcantate I dann so Mitte April sicher erschienen sein kann! Bachkantate Nr II [Bach-H2] erhalten Sie ebenfalls im März im Manuskript vollständig fertig!
Sie wollen doch auch nicht, daß ich meine Gesundheit ganz u. gar ruiniere; ich gebe so wie so schon darauf viel zu wenig acht; wochenlang komme ich oft zu keinem Spaziergang!
Besten Dank betreff Nietzsche u. Herder „Stimmen der Völker“! In den neuen Liedern op. 70 sind nur wirklich schönste Texte.
Bitte, sorgen Sie dafür, daß ja alle Kritiker in Leipzig Karten bekommen! Sie dürfen nicht böse sein, wenn ich Sie so sehr plage – allein ich bin eben ein „Pendant“ 1. Klasse! Aber das ist doch schließlich besser als wenn ich ein rechter Liedrian wäre!
An die Privatadresse von Ihnen, sehr geehrter Herr Lauterbach, sandten wir gestern 2 Paquete mit Wäsche, Kleidern etc; bitte, haben Sie die Freundlichkeit die beiden Paquete in Ihrer Privatwohnung in Gautzsch aufheben zu wollen! Besten Dank im Voraus für freundliche Besorgung! Ich muß noch elend Briefe schreiben in den 2 kommenden Tagen!
Nun, adieu; ich habe sehr viel Arbeit!
Schönste Grüße von meiner Frau u. mir
Ihr mit aufrichtigster Freundschaft ergebenster
Max Reger
Object reference
Max Reger to Carl Lauterbach und Max Kuhn, Lauterbach & Kuhn, München, 20th February 1903, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_postObj_01008393.html, version 4.0, 18th December 2025.
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