Alfred Grünfeld
Dedicatee
- Dedicatee
- –
1.
1.1.
Alfred Grünfeld1 kam am 5. Juli 1852 als Sohn eines Lederhändlers in Prag zu Welt. Das Haus seiner Eltern Moriz und Regina Grünfeld wurde von zahlreichen Künstlern frequentiert und Alfred sprach neben Deutsch und Tschechisch auch Hebräisch und Jiddisch. Als vielversprechendes pianistisches Talent, unterrichtet von Theodor Höger und Josef Krejčí (Klavier bzw. Kompositionslehre), kam er schon früh zu öffentlichen Auftritten; u.a. spielte der Zwölfjährige den Klavierpart in Felix Mendelssohn Bartholdy Klaviertrio op. 66. Von 1868 bis 1872 studierte Grünfeld bei Theodor Kullak an der Neuen Akademie der Tonkunst in Berlin und wurde nach vier Monaten von diesem bei Franz Liszt in Weimar eingeführt. Studienbegleitend begann im November 1869 seine lukrative Karriere als Klaviervirtuose: Im Sommer 1871 machte er in Heitzmann’s Klaviersalon als aufsehenerregender Improvisator von sich reden. Schon bald darauf konzertierte er in wohlhabenden jüdischen Zirkeln wie dem “Verein der Freimüthigen” und der “Gesellschaft der Freunde”; in Veranstaltungen des Pianohauses Bleichröder spielte er zu “Spitzenhonoraren”2
Erfolgreiche Konzerte im Winter 1872/73 in Brünn und Kontakte zur städtischen Elite (u.a. zur Bankiersfamilie Popper) bahnten Grünfeld den Weg nach Wien, wo er ab 1873 bis zu seinem Lebensende seinen Hauptwohnsitz hatte. Maßgeblich für seine Karriere wurde die enge Verbindung zu Ludwig Bösendörfer, der ihn für ein Konzert auf der Wiener Weltausstellung 1873 verpflichtete. Da in den Folgemonaten auch andere Klavierbau-Unternehmen sein Talent suchten, erwies sich die Weltausstellung nicht nur in finanzieller Hinsicht als Erfolg, sondern vor allem als entscheidender Durchbruch für seine öffentliche Wahrnehmung. Ab 1874 gab Grünfeld Recitals im neu errichteten Bösendorfer-Saal (bis 1913 bis zu vier Konzerte im Jahr), ebenso im Großen Saal der Gesellschaft für Musikfreunde. Doch insbesondere seine von 1882 bis 1923 knapp 50 Konzerte im Großen Musikvereinssaal wurden »zu fixen Terminen im Wiener Konzertleben«3 und allerorten diskutierten gesellschaftlichen Ereignissen. Julius Korngold sollte nach Grünfelds Tod schreiben: “Er hat sozusagen Wiens musikalischen Gedanken am Flügel vertreten, Wiens Freude am Sinnlich-Schönen mit dem rechten Beisatz von Vergeistigtheit, Nachdenklichkeit und Gefühlswärme, hat sie in der Darstellung des Beethoven, Mozart, Schubert, Schumann, Brahms getragen und nicht zuletzt mit Reiz und Anmut dort walten lassen, wo dieses Sinnlich-Schöne die Flügel des Tanzes erhält.”4
Als Star der Pianistenszene avancierte Grünfeld zum Liebling der Aristokratie und des Geldadels: 1876 spielte er erstmals vor Kaiser Wilhelm I. und erhielt seine erste Einladung bei Nathaniel Rothschild. Er pflegte Freundschaften zur Familie Metternich, zur Konprinzessin Stephanie und dem ersten Hofmeister Prinz Konstantin Hohenlohe. 1881 wurde er zum k. u. k. Kammervirtuosen ernannt, 1886 auf Initiative des Kronprinzenpaares Friedrich Wilhelm und Victoria zum deutschen Hofpianisten. 1900 überreichte ihm der Schah von Persien anlässlich eines Privatkonzerts das Comandaturkreuz des Sonnen- und Löwen-Ordens und 1913 erhielt er den Titel k. u. k. Professor.
In den Frühjahrs- und Herbstmonaten unternahm Grünfeld stets ausgedehnte Konzertreisen. Sie führten ihn unter anderem nach Deutschland (nahezu jährlich), England (erstmals 1876), Frankreich (1877), Russland (1882–1902), Rumänien (1887) und Dänemark, Norwegen sowie Schweden (1889). 1891–1892 absolvierte er eine sechsmonatige “Parforce-Tour”5 durch die USA. Ab 1872 war er auch regelmäßig bei den mondänen Kurkonzerten in Marienbad, Baden und Karlsbad zu hören, wo er auch als Werbeträger vermarktet wurde und nach seinem Tod Grünfeld-Gedenkfeiern stattfinden.
Dem “Konzertreisenden der Firma Bösendörfer”6 wurden für die Tourneen stets ein Instrument und ein Klavierstimmer vorausgeschickt; das Management seiner Reisen übernahm zumeist sein Bruder Ludwig (1854–1925). Ein weiterer Bruder, der Cellist Heinrich Grünfeld (1855–1931), mit dem er allein 1880 in 40 Konzerten gemeinsam auftrat, gehörte zu seinen bevorzugten Kammermusikpartnern. Erfolgreiche Zusammenarbeiten ergaben sich auch mit dem Geiger Hermann Franke, dem Hellmesberger- und dem Rosé-Quartett.
Zu seinem 60. Geburtstag erhielt Grünfeld eine von mäzenatischen Kreisen veranlasste Ehrenspende von 300 000 Kronen. Während des Ersten Weltkriegs engagierte er sich dann selbst in zahllosen Wohltätigkeitskonzerten (u.a. für die Kriegsfürsorge) ohne Honorar und geriet in finanzielle Schieflage. Nach 1918 erlebte Wien einen neuerlichen Grünfeld-Boom, zumal seine Konzerte, die ihre “altvertraute Physiognomie”7 behielten, in unsicheren Zeiten die Sehnsucht nach dem vertrauten Schönen befriedigten. Der Wiener Kritiker Ludwig Karpath adelte Grünfeld 1923, anlässlich von dessen letzten beiden Solokonzerten, als ein “lebendiges Wahrzeichen”.8 Alfred Grünfeld starb am 24. Januar 1924 in Wien.
Grünfelds Spiel war ob seiner “Samtpfötigkeit”9 gerühmt, doch auch der Kritik der Oberflächlichkeit ausgesetzt. Eduard Hanslick formulierte pointiert, er sei “der Elegant unter den Pianisten und der Löwe unter den Salon-Virtuosen”10. Das typische Grünfeld-Konzert war in Programmblocks aufgeteilt, in deren Mitte stets ein großes zyklisches Werk (oftmals von Robert Schumann) stand. Publikumsmagnete waren auch seine virtuosen Improvisationen, z.B. über die Preußische Nationalhymne, über Themen aus dem Faust von Charles Gounod sowie den Lohnengrin und den Tannhäuser von Richard Wagner oder Walzer von Johann Strauss Sohn. Grünfeld brillierte dabei mit der Kunst der “kaleidoskopartige[n] Improvisation”11, bei der er in rechter und linker Hand über unterschiedliche Walzer improvisierte. Improvisationen, Paraphrasen und Phantasien nach Melodien oder ganzen Kompositionen von Strauss spielte Grünfeld jahrzehntelang als Zugabestücke, mit denen er stets “ein Feuerwerk kühn verschlungener Straußscher Walzermotive abbrannte.”12
Johann Strauss, den er 1874 kennen lernte, gewann Grünfeld auch zum engen Freund. Sie ist verewigt im Ölgemälde Ein Abend bei Johann Strauss (1896) und im Stummfilm An der schönen blauen Donau (1926), in dem Grünfeld den Walzerinterpreten am Klavier mimt. Wie kaum ein zweiter Pianist seiner Zeit nutzte Grünfeld zur Verbreitung seiner Interpretationen die seinerzeit Neuen Medien: Er spielte für die Reproduktionsnotenrollen von Welte-Mignon und Hupfeld Werke von Schubert, Chopin, Beethoven, Johann Strauss und anderen ein, die sogar bei Konzerten in Wien öffentlich abgespielt wurden.13 Ebenso gehörte er zu den Interpreten, die für Aufnahmen auf Wachszyklinder für den Edison Phonographen und für Schellack-Platten zur Verfügung standen.
Grünfeld begann bereits zu Studienzeiten zu komponieren und hinterließ schließlich ein Œuvre von 65 gezählten Opera sowie zahlreichen Werken ohne Opuszahl.14 Zu Beginn seiner Karriere verfasste er ausschließlich Lieder – sein Opus 1, die Vier Lieder von Heinrich Heine op. 1 erschienen 1872 in Berlin (Challier) –, die er bekannten Sängerinnen und Sängern zueignete. Hierauf widmete er sich Klavierstücken, die mit über 90 Einzeltiteln15 das Gros seiner Werke ausmachen und die der Klaviervirtuose “sich selbst in die Finger componirt[e]”16 oder berühmten Kollegen wie Moriz Rosenthal und Theodor Leschetizky dedizierte. In diesen Bereich gehören etwa die Octaven-Etude op. 15, Etude à la Tarantella op. 47 Nr. 3, die Etude op. 40 und Humoreske op. 51 Nr. 2. Sein berühmtestes Zugabestück, der Frühlingsstimmen Walzer op. 57, eine Konzert-Transkription des gleichnamigen Werks von Johann Strauss, erschien erst nach Grünfelds Tod. Sein erfolgreichstes Originalwerk jedoch war eine eher galante Salonkomposition: die 1888 uraufgeführte Kleine Serenade. Grünfeld erstellte von dieser eine Orchesterbearbeitung, die bis in die 1930er Jahre hinein, als Grünfelds Musik im Zuge der nationalsozialistischen Machtergreifung verboten wurde, zum Repertoire von Kur- und auch Symphonieorchestern gehörte. Darüber hinaus komponierte Grünfeld auch zwei Bühnenwerke: die Operette Der Lebemann (1903) sowie die Oper Die Schönen von Fogaras (1907), die an der Dresdner Hofoper unter der Leitung von Ernst von Schuch uraufgeführt wurde.
1. Reger-Bezug
Der Name Alfred Grünfeld taucht in der erhaltenen Korrespondenz Max Regers erst- und letztmalig in einem Brief von Ende 1891 an August Grau auf, einem Vetter von Regers Mutter Philomena Reger. Die lapidare Bemerkung des 18-jährigen Wiesbadener Studenten – “Grünfeld ist auch nicht der Mann der Zukunft” (Brief an August Grau vom 30. Dezember 1891) – bezog sich wohl auf das Alter des Wiener Hofpianisten; spielen gehört hatte er ihn bis dato wohl nicht. Erst im Januar 1894 konzertierte Grünfeld wieder in Wiesbaden bei dem renommierten Winterkonzertzyklus in der Kurstadt, wo er seit den späten 1870er Jahren regelmäßig auftrat. In besagtem Konzert war Grünfeld der Solist in Anton Rubinsteins viertem Klavierkonzert d-Moll op. 70 und spielte zudem unter anderem Stücke von Chopin, Brahms und Beethoven.1 Ein weiterer Auftritt in derselben Reihe folgte zwei Jahre später, im Februar 1896, wo Grünfeld mit Beethovens Klavierkonzert c-Moll op. 37 und Werken von Schumann, Chopin und Brahms zu hören war.2 Ob Reger, der bis 1898 in Wiesbaden wohnte, diese Konzerte besuchte, ist nicht verbürgt.
Ein persönlicher Kontakt zwischen Reger und Grünfeld ist nicht bekannt. Wohl in der Hoffnung auf eine Aufführung durch den bekannten Pianisten widmete Reger seine im Sommer 1898 entstandene erste Bearbeitung von Frédéric Chopins sogenanntem Minutenwalzer Des-Dur op. 64 Nr. 1 in den Fünf Spezialstudien Chopin-B1 Grünfeld. Aufführungen sowohl der Widmungskomposition als auch von anderen Klavierwerken Regers durch Grünfeld sind jedoch nicht dokumentiert.
Read more in RWA Online…
–
Object reference
Alfred Grünfeld, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_pers_00197.html, version 4.1.0, 7th August 2026.
Information
This is an object entry from the RWA encyclopaedia. Links and references to other objects within the encyclopaedia are currently not all active. These will be successively activated.