Henriette Schelle
Correspondence
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1.
1.1.
Henriette Schelle wurde 1879 in Köln geboren und wuchs zeitweise in Koblenz auf, wo sie am dortigen Konservatorium von Musikdirektor Konrad Heubner in den Fächern Klavier und Theorie ihre erste Ausbildung erhielt. Bereits im Alter von 9 Jahren trat sie öffentlich mit dem ersten Satz aus dem 1. KLavierkonzert von Ludwig van Beethoven in Koblenz auf. Von 1893 bis 1899 studierte sie am Kölner Konservatorium bei Isidor Seiß Klavier und bei Otto Klauwell Theorie. Der Kritiker Karl Wolff würdigte die junge Pianistin in einem Portrait: “[…] aus der Flut nachschaffender Künstler tauchte eine ebenso anmutige wie erfreuliche Erscheinung empor, um dann bei verschiedenen musikalischen Anlässen das einmal erregte ungewöhnliche Interesse in hiesigen wie in zahlreichen auswärtigen Konzertsälen durchaus zu rechtfertigen. Freilich war Henriette Schelle Köln nicht unbekannt, da sie unser Konservatorium bis zum Herbst vorigen Jahres besucht […]. Aber mit dem Augenblick, wo die junge Pianistin flügge geworden, entwickelte sich die Selbständigkeit ihres Empfindens so sehr, trat an die Stelle der sonst in ihrem Spieles sich geltend machenden Individualität des peinlich genauen Lehrers die eigene so stark hervor, daß die Leistungen auf einem völlig veränderten künstlerischen Niveau erschienen. Eine ganz ungewöhnliche musikalische Gediegenheit bildet der Grundzug der Vorträge der jungen Dame, ihre Technik ist groß und völlig ausgeglichen, der Anschlag markig und im Piano der zartesten und reizvollsten Klangschattierungen fähig. Ein in solchem Alter selten anzustreffender, fast männlicher Ernst der Auffassung läßt in ihrer Virtuosität im wahrsten Sinne immer nur das Mittel zum Zweck erblicken, und deshalb dürfte sie einmal eine wirklich bedeutende Beethovenspielerin werden. Die große specifische musikalische Begabung machte sich […] auch insofern bei ihr geltend, als sie bei den reinen theoretischen Studien Ungewöhnliches leistete und tiefer in die Geheimnisse des Kontrapunkts eindrang, als vielleicht mancher männlicher Pianist und Virtuose.”1 Neben Solo-Konzerten unter anderem in Köln, Bonn, Trier, Saarbrücken, Köslin, Stolp begann 1899 mit einem Auftritt im Concertgebouw Amsterdam eine internationale Karriere, die sie auch nach Brüssel, Luxemburg, Antwerpen, Wien sowie die deutschen Musikmetropolen München, Dresden, Leipzig und Berlin führte. In der Saison 1901/02 war Henriette Schelle die Solistin bei der Konzert-Tornee der Meininger Hofkapelle unter Fritz Steinbach. Ihr Repertoire beinhaltete neben Klavierwerken von Schumann, Chopin, Brahms und Liszt auch die Klavierkonzerte von Mozart, Beethoven und Brahms. Sie war daneben eine gefragte Liedbegleiterin und Kammermusikpartnerin. Henriette Schelle war Werbeträgerin der Hofpianofabrik Carl Mand in Koblenz (“Ich ziehe den Mand-Flügel jedem anderen Fabrikat vor”)2. Im Sommer 1902 heiratete Henriette Schelle den Kölner Bankier Willy Obermeyer, der 1919 nach schwerer Krankheit verstarb. Laut Fritz Stein zog sich Henriette Schelle 1913 aus gesundheitlichen Gründen von ihrer Konzerttätigkeit zurück,3. Allerdings ist eine Erkrankung, die auch Konzertabsagen nach sich zog, bereits für das Jahr 1910 durch Briefe dokumentiert, und in der Korrespondenz ist nach 1910 nur noch von Unterrichtstätigkeit die Rede. 1909 war Henriette Schelle zur königlich rumänischen Hofpianistin erhannt worden. Die erste Postkarte Regers mit der entsprechenden Anrede datiert auf den 1. November 1909.4 Nach dem Ende ihrer pianistischen Karriere studierte sie Gesang und betätigte sich nach der Eheschließung 1920 mit dem Bariton Dr. Konrad von Zawilkowski (1880–1958) als dessen Mitarbeiterin auf gesangspädagogischem Gebiet. Henriette Schelle starb am 6. Februar 1950 in Berlin.
1.2.
Henriette Schelle wurde 1879 in Köln geboren und wuchs zeitweise in Koblenz auf, wo sie am dortigen Konservatorium von Musikdirektor Konrad Heubner in den Fächern Klavier und Theorie ihre erste Ausbildung erhielt. Bereits im Alter von 9 Jahren trat sie öffentlich mit dem ersten Satz aus dem 1. KLavierkonzert von Ludwig van Beethoven in Koblenz auf. Von 1893 bis 1899 studierte sie am Kölner Konservatorium bei Isidor Seiß Klavier und bei Otto Klauwell Theorie. Der Kritiker Karl Wolff würdigte die junge Pianistin in einem Portrait: “[…] aus der Flut nachschaffender Künstler tauchte eine ebenso anmutige wie erfreuliche Erscheinung empor, um dann bei verschiedenen musikalischen Anlässen das einmal erregte ungewöhnliche Interesse in hiesigen wie in zahlreichen auswärtigen Konzertsälen durchaus zu rechtfertigen. Freilich war Henriette Schelle Köln nicht unbekannt, da sie unser Konservatorium bis zum Herbst vorigen Jahres besucht […]. Aber mit dem Augenblick, wo die junge Pianistin flügge geworden, entwickelte sich die Selbständigkeit ihres Empfindens so sehr, trat an die Stelle der sonst in ihrem Spieles sich geltend machenden Individualität des peinlich genauen Lehrers die eigene so stark hervor, daß die Leistungen auf einem völlig veränderten künstlerischen Niveau erschienen. Eine ganz ungewöhnliche musikalische Gediegenheit bildet der Grundzug der Vorträge der jungen Dame, ihre Technik ist groß und völlig ausgeglichen, der Anschlag markig und im Piano der zartesten und reizvollsten Klangschattierungen fähig. Ein in solchem Alter selten anzustreffender, fast männlicher Ernst der Auffassung läßt in ihrer Virtuosität im wahrsten Sinne immer nur das Mittel zum Zweck erblicken, und deshalb dürfte sie einmal eine wirklich bedeutende Beethovenspielerin werden. Die große specifische musikalische Begabung machte sich […] auch insofern bei ihr geltend, als sie bei den reinen theoretischen Studien Ungewöhnliches leistete und tiefer in die Geheimnisse des Kontrapunkts eindrang, als vielleicht mancher männlicher Pianist und Virtuose.”5 Neben Solo-Konzerten unter anderem in Köln, Bonn, Trier, Saarbrücken, Köslin, Stolp begann 1899 mit einem Auftritt im Concertgebouw Amsterdam eine internationale Karriere, die sie auch nach Brüssel, Luxemburg, Antwerpen, Wien sowie die deutschen Musikmetropolen München, Dresden, Leipzig und Berlin führte. In der Saison 1901/02 war Henriette Schelle die Solistin bei der Konzert-Tornee der Meininger Hofkapelle unter Fritz Steinbach. Ihr Repertoire beinhaltete neben Klavierwerken von Schumann, Chopin, Brahms und Liszt auch die Klavierkonzerte von Mozart, Beethoven und Brahms. Sie war daneben eine gefragte Liedbegleiterin und Kammermusikpartnerin. Henriette Schelle war Werbeträgerin der Hofpianofabrik Carl Mand in Koblenz (“Ich ziehe den Mand-Flügel jedem anderen Fabrikat vor”)6. Im Sommer 1902 heiratete Henriette Schelle den Kölner Bankier Willy Obermeyer, der 1919 nach schwerer Krankheit verstarb. Laut Fritz Stein zog sich Henriette Schelle 1913 aus gesundheitlichen Gründen von ihrer Konzerttätigkeit zurück,7. Allerdings ist eine Erkrankung, die auch Konzertabsagen nach sich zog, bereits für das Jahr 1910 durch Briefe dokumentiert, und in der Korrespondenz ist nach 1910 nur noch von Unterrichtstätigkeit die Rede. 1909 war Henriette Schelle zur königlich rumänischen Hofpianistin erhannt worden. Die erste Postkarte Regers mit der entsprechenden Anrede datiert auf den 1. November 1909.8 Nach dem Ende ihrer pianistischen Karriere studierte sie Gesang und betätigte sich nach der Eheschließung 1920 mit dem Bariton Dr. Konrad von Zawilkowski (1880–1958) als dessen Mitarbeiterin auf gesangspädagogischem Gebiet. Henriette Schelle starb am 6. Februar 1950 in Berlin.
1. Reger-Bezug
Henriette Schelle spielte im Rahmen des 56. Vereinsabends des Darmstädter Richard-Wagner-Vereins am 30. September 1901 erstmals zwei Werke von Max Reger: das Menuett aus den Six Morceauxop. 24 und das Scherzo aus den Zehn kleinen Vortragsstückenop. 44. Am 15. November 1901 debutierte Henriette Schelle in München teils als Begleiterin der Altistin Iduna Walter-Choinanus teils als Solistin. Sie spielte Liszt- und Chopin-Etuden sowie die 3. Klaviersonate op. 5 von Johannes Brahms. Vermutlich haben sich Reger und Schelle bei diesem Konzert im Museum persönlich kennengelernt. Im Laufe der nächsten Tage wandte sich die Pianistin schriftlich an den Komponisten, der mit einem Brief am 21. November, sich für die Verspätung entschuldigend, antwortete und das offenbar von Schelle lancierte Thema eines Soloabends in München aufnahm. Am 26. November machte Reger der Pianistin dann konkrete Programmvorschläge für den seine eigenen Werke betreffenden Teil. Wie Regers Brief vom 22. Dezember 1901 zeigt, nahm das Projekt rasch immer konkretere Formen an. Dass es letztlich nicht zustande kam, lag wohl auch an Schelles veränderten Lebensumständen. Sie verlobte sich im Januar 1902 mit dem Kölner Bankier Willy Obermeyer, die Hochzeit erfolgte ein halbes Jahr später. Zwar schrieb das Ehepaar Schelle-Obermeyer noch einen Hochzeitsreisegruß von der Wartburg,1 Vgl. Regers Antwortbrief vom 13. Juli 1902. danach pausierte aber die Korrespondenz für mehrere Jahre, wohl auch, weil Schelle ihre Karriere bis 1905 weitgehend ruhen ließ. Im Oktober 1904 wurde der briefliche Kontakt wieder aufgenommen, und am 20. Dezember bat Reger Henriette Schelle, mit ihm gemeinsam in Köln Variationen und Fuge über ein Thema von Ludwig van Beethovenop. 86 zu spielen. Dieses Konzert am 7. Februar 1905 im Großen Saal des Konservatoriums war der Auftakt für eine Konzertserie, in der das Klavierduo Reger/Schelle in den folgenden Jahren Opus 86 in weit mehr als einem dutzend Konzerten in ganz Deutschland sowie in Antwerpen spielte (das letzte Mal traten sie damit am 7. März 1908 in Bremen auf). Am 12. November spielten die beiden zudem in Köln die Uraufführung von Introduction, Passacaglia und Fuge h-Mollop. 96. Das Henriette Schelle gewidmete Werk führten sie danach in Düsseldorf (25. Februar 1907) und in Hannover (7. April 1908) auf. Regelmäßig trat Schelle aber auch mit anderen Klavierwerken Regers auf. 1908 fertigte sie autorisierte Bearbeitung von Klavierliedern aus den Schlichten Weisen op. 76 (Nr. 14, 18, 21) für gemischten Chor an, die bei Lauterbach & Kuhn verlegt wurden. Das freundschaftliche Verhältnis zwischen Reger und Henriette Schelle umfasste auch die jeweiligen Ehepartner, wobei nach dem Ende der professionellen Zusammenarbeit Max Reger vor allem mit Willy Obermeyer korrespondierte und Elsa Reger mit Henriette Schelle in Kontakt stand. Reger widmete Willy Obermeyer 1907 die "Sechs Präludien und Fugen" für Klavier op. 99.
2. Reger-Bezug
Henriette Schelle spielte im Rahmen des 56. Vereinsabends des Darmstädter Richard-Wagner-Vereins am 30. September 1901 erstmals zwei Werke von Max Reger: das Menuett aus den Six Morceauxop. 24 und das Scherzo aus den Zehn kleinen Vortragsstückenop. 44. Am 15. November 1901 debutierte Henriette Schelle in München teils als Begleiterin der Altistin Iduna Walter-Choinanus teils als Solistin. Sie spielte Liszt- und Chopin-Etuden sowie die 3. Klaviersonate op. 5 von Johannes Brahms. Vermutlich haben sich Reger und Schelle bei diesem Konzert im Museum persönlich kennengelernt. Im Laufe der nächsten Tage wandte sich die Pianistin schriftlich an den Komponisten, der mit einem Brief am 21. November, sich für die Verspätung entschuldigend, antwortete und das offenbar von Schelle lancierte Thema eines Soloabends in München aufnahm. Am 26. November machte Reger der Pianistin dann konkrete Programmvorschläge für den seine eigenen Werke betreffenden Teil. Wie Regers Brief vom 22. Dezember 1901 zeigt, nahm das Projekt rasch immer konkretere Formen an. Dass es letztlich nicht zustande kam, lag wohl auch an Schelles veränderten Lebensumständen. Sie verlobte sich im Januar 1902 mit dem Kölner Bankier Willy Obermeyer, die Hochzeit erfolgte ein halbes Jahr später. Zwar schrieb das Ehepaar Schelle-Obermeyer noch einen Hochzeitsreisegruß von der Wartburg,2 Vgl. Regers Antwortbrief vom 13. Juli 1902. danach pausierte aber die Korrespondenz für mehrere Jahre, wohl auch, weil Schelle ihre Karriere bis 1905 weitgehend ruhen ließ. Im Oktober 1904 wurde der briefliche Kontakt wieder aufgenommen, und am 20. Dezember bat Reger Henriette Schelle, mit ihm gemeinsam in Köln Variationen und Fuge über ein Thema von Ludwig van Beethovenop. 86 zu spielen. Dieses Konzert am 7. Februar 1905 im Großen Saal des Konservatoriums war der Auftakt für eine Konzertserie, in der das Klavierduo Reger/Schelle in den folgenden Jahren Opus 86 in weit mehr als einem dutzend Konzerten in ganz Deutschland sowie in Antwerpen spielte (das letzte Mal traten sie damit am 7. März 1908 in Bremen auf). Am 12. November spielten die beiden zudem in Köln die Uraufführung von Introduction, Passacaglia und Fuge h-Mollop. 96. Das Henriette Schelle gewidmete Werk führten sie danach in Düsseldorf (25. Februar 1907) und in Hannover (7. April 1908) auf. Regelmäßig trat Schelle aber auch mit anderen Klavierwerken Regers auf. 1908 fertigte sie autorisierte Bearbeitung von Klavierliedern aus den Schlichten Weisen op. 76 (Nr. 14, 18, 21) für gemischten Chor an, die bei Lauterbach & Kuhn verlegt wurden. Das freundschaftliche Verhältnis zwischen Reger und Henriette Schelle umfasste auch die jeweiligen Ehepartner, wobei nach dem Ende der professionellen Zusammenarbeit Max Reger vor allem mit Willy Obermeyer korrespondierte und Elsa Reger mit Henriette Schelle in Kontakt stand. Reger widmete Willy Obermeyer1907 die "Sechs Präludien und Fugen" für Klavier op. 99.
Object reference
Henriette Schelle, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_pers_00252.html, version 4.0, 18th December 2025.
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