Therese Albertine Luise Jakob

Gender
female
Profession
writer, poet
Birth
26th January 1797
Death
13th April 1870
MRI-Identifier
mri_pers_01850

Name
Therese Albertine Luise Jakob
Used Name
Therese Albertine Luise Jakob
Pseudonym
Talvj
Further Names
Robinson ()

References to Reger
References to others

1.

1.1.

Therese Robinson, née von Jakob, Porträtfotografie in: Irma Elizabeth Voigt, The Life and Works of Mrs. Therese Robinson (Talvj), Thesis University of Illinois, 1913.
Therese Robinson, née von Jakob, Porträtfotografie in: Irma Elizabeth Voigt, The Life and Works of Mrs. Therese Robinson (Talvj), Thesis University of Illinois, 1913.

Therese Albertine Luise Jakob (Jacob)1 wurde am 26. Januar 1797 in Halle/Saale in eine vermögende Familie hineingeboren. Ihr Vater war der Philosoph und Ökonom Ludwig Heinrich von Jakob (1759–1827), der seit 1787 an der dortigen Universität lehrte. 1807 wurde er als Professor für politische Ökonomie und Staatskunst an die neu gegründete Universität Charkiw (heute Ukraine) berufen, 1809 wechselte er als Berater Zar Alexanders zur Reform des Münzwesens nach St. Petersburg. 1816 erhielt er den Lehrstuhl für Nationalökonomie an der Hallischen Universität und kehrte mit der Familie, die mittlerweile geadelt worden war, nach Deutschland zurück. Therese (von) Jakob hatte sich, unterstützt vom späteren Juristen, Statistiker und Ethnographen Petr von Köppen, bereits in Charkiw eingehend mit russischer Sprache und Volksliedkultur beschäftigt und widmete sich nach ihrer Deutschland-Rückkehr weiteren Sprachen-Studien, die Latein, Griechisch, skandinavische Sprachen, Englisch, Französisch und Spanisch umfassten. Sie knüpfte Kontakte unter anderem zu Bettina von Arnim, Jacob Grimm und der Leipziger Verlegerfamilie Brockhaus, frequentierte den Literaturzirkel »Dresdner Liederkeis«, der auch von Carl Maria von Weber besucht wurde, und veröffentlichte um 1820 unter dem Pseudonym Reseda Gedichte in der Dresdner Abend-Zeitung. 1825 verwendete sie erstmals das Akrostichon Talvj, das sich aus ihren Vor- und Nachnamen zusammensetzt. Dieses Pseudonym, das sie vielfach nutzte, diente ihr als “Schutzschild gegenüber der Öffentlichkeit”2 zur Wahrung ihrer Privatsphäre,3 zumal die literarische Betätigung von Frauen vielfach kritisch gesehen wurde.
1825/26 erschienen unter diesem Namen in Halle zwei Bände Volkslieder der Serben, eine freie Übersetzung der entsprechenden Sammlung des Sprachreformers und Diplomaten Vuk Stefanović Karadžić, der sie auch eine historische Einführung voranstellte. Johann Wolfgang von Goethe, der mit Karadžić befreundet war, stand der Übersetzerin beratend zur Seite und kündigte die Publikation in seinem Aufsatz “Serbische Lieder” an, wobei er Talvj als “Frauenzimmer von besonderen Eigenschaften und Talenten” bezeichnete, die “mit den slawischen Sprachen durch einen frühern Aufenthalt in Rußland nicht unbekannt” war und die Übersetzung als “reiche Leistung” rühmte.4 Die Publikation erregte in vormärzlichen Zeiten, die von Sympathiebekundungen für Freiheitsbestrebungen in ganz Europa geprägt waren (Serbien stand unter türkischer Herrschaft), großes Aufsehen und “regte andere Übersetzer und Komponisten zu weiteren Nachdichtungen und Vertonungen an”5. Erweiterte Auflagen der Sammlung erschienen 1835 und 1853. Mit den wissenschaftlichen Monografien Historical View of the Languages and Literature of the Slavic Nations with a Sketch of the Popular Poetry (London 1850) sowie Übersichtliches Handbuch einer Geschichte der Slavischen Sprachen und Literatur nebst einer Skizze ihrer Volks-Poesie (Leipzig 1852) untermauerte Therese von Jakob ihre Stellung als maßgebliche Slawistin ihrer Zeit.
1828 heiratete sie den presbyterianischen Theologen Edward Robinson; ein Jahr darauf kam ihre Tochter Marie Auguste (1829–1906) auf die Welt, die später als Komponistin und Pianistin wirken sollte. 1830 siedelte die Familie nach Andover (Massachusetts), der Heimat Robinsons, über, nachdem dieser dort eine Anstellung als Außerordentlicher Professor für biblische Literatur sowie als Bibliothekar am Theological Seminary erhalten hatte. Streng puritanisches Umfeld und häusliche Pflichten der Farmersfrau verhinderten zunächst die weitere literarische Entfaltung Therese Robinsons. Erst die der akademischen Karriere ihres Mannes geschuldeten Umzüge nach Boston (1833) und New York (1837) ermöglichten ihr, erneut in ihrem Metier tätig zu sein. Neben Aufsätzen zur Slawistik (u.a. in der North American Review) sowie Übersetzungen von theologischen Aufsätzen ihres Mannes entstanden auch Studien zu indianischen Sprachen sowie eine Abhandlung über Die Unächtheit der Lieder Ossian’s und des Macpherson’schen Ossian’s (Leipzig 1840). Ab ca. 1840 unterhielt Robinson in der New Yorker Green Street einen Salon, den Literaten und Politiker frequentierten; 1844 trat sie mit ihrem Mann der Historical Society in New York bei und vertiefte sich in das Studium der Siedlungsgeschichte Nordamerikas (u.a. Publikationen unter dem Namen Therese Robinson, Geschichte der Colonisation von Neu-England. Von den ersten Niederlassungen daselbst im Jahre 1607 bis zur Einführung der Provinzialverfassung von Massachusetts im Jahre 1692, Leipzig 1847). Autobiografische Züge tragen die beiden Erzählungen Heloise or the Unrevealed Secret (New York 1850) sowie Die Auswanderer (Leipzig 1852). Letztere schildert das soziale und religiöse Leben in South Carolina aus Sicht einer deutschen Immigrantin, erschien 1853 – “als erster amerikanischer Roman, der die Einwanderung deutscher politischer Flüchtlinge thematisiert”6 – unter dem Namen The Exiles in New York und 1856 nochmals in einer erweitererten Fassung mit dem Titel Woodhill; or, The Ways of Providence , an der auch auch ihre Tochter Marie Auguste mitgearbeitet hatte. Im Zentrum von Talvjs (Entwicklungs)romanen stehen weibliche Protagonistinnen, die gegen einengende Konventionen aufbegehrten, ohne diese schließlich überwinden zu können. Die Autorin gab damit Impulse an die aufkommende Frauenbewegung und formulierte in ihrer literaturwissenschaftlichen Abhandlung Deutschlands Schriftstellerinnen bis vor hundert Jahren (Leipzig 1861)7 auch implizit ihre Forderung nach einem Recht von Frauen auf Bildung8
Die Jahre, die ihr Mann auf Forschungsreisen in Palästina weilte, verbrachte Therese Robinson stets mit ihren Kindern in Deutschland. Nach dem Tod von Edward Robinson 1863 kehrte sie dann dauerhaft in die Heimat zurück und wohnte unter anderem in Berlin, Dresden, Baden-Baden, Karlsruhe und Straßburg, wo ihr Sohn Edward jun. als amerikanischer Konsul arbeitete. 1865 gab sie die Monografie Physische Geographie des Heiligen Landes, das Hauptwerk Edward sen., heraus9, das unvollendet geblieben war; 1868 erschien ihr letzter Roman Funfzehn Jahre. Ein Zeitgemälde aus dem vorigen Jahrhundert. Luise Robinson starb 13. April 1870 in Pöseldorf bei Hamburg. Sie wurde in New York begraben.

1.2. As lyricist

Parallelvertonungen zu Reger

  • Schlimm für die Männer
    • Adolf Wallnöfer, Nr. 5 aus: Liederspiel. Zehn Terzette für Frauenstimmen, Chor oder Solo mit Klavierbegleitung op. 107 (1906–13)

Weitere Vertonungen (Auswahl)

  • Carl Loewe: Serbischer Liederkreis op. 15 (nach 1825)
  • Heinrich von Herzogenberg: [7] Serbische Mädchenlieder op. 46 (1885)
  • Alexander Winterberger: Die Kranzwinderin und Armes Kind, Nr. 3 und 4 aus Sieben Volkspoesien für 2 Frauenstimmen mit Pianoforte

1
Die alternative Schreibweise des Nachnamens findet sich in mehreren Lexika. Zu Leben und Wirken der Literatin siehe unter anderem Gisela Licht, »Einführung. Zwischen Auflehnung und Anpassung – Leben und Werk der Schriftstellerin Therese von Jakob Robinson (1797–1870)«, in Therese Albertine Luise von Jakob Robinson. Lesebuch, Halle/Saale 2009 (= Literatur aus Mitteldeutschland, Bd. 2), S. 10–42 sowie »Robinson, Therese Albertine Luise, geb. von Jakob (Jacob), Pseudonyme „talvj“, „Reseda“, „Ernst (Friedrich Otto) Berthold“ […] Begründerin der Slawistik in Amerika und Deutschland, Übersetzerin und Ethnologin«, in Frauen in Sachsen-Anhalt 2. Ein biographisch-bibliografisches Lexikon vom 19. Jahrhundert bis 1945, hrsg. von Eva Labouvie, Wien u.a. 2019, S. 376–380; dort mit Werkverzeichnis und ausführlichem Verzeichnis von Sekundärliteratur.
2
Licht, »Einführung« (wie Anm. 1), S. 18. – Ein weiteres Pseudonym von Therese von Jakob lautete Ernst Berthold. Dieses verwendete sie in den 1820er Jahren für Übersetzungen von Erzählungen Walter Scotts (Die Presbyterianer, Der schwarze Zwerg).
3
Vgl. hierzu auch den Nachruf Ein deutsches Frauenleben in Deutsche Blätter. Literar.-polit. Feuilleton-Beilage zur Gartenlaube, 1870, Nr. 26, S. 101-103 (=revidierter Abdruck eines Artikels aus der Augsburger Allgemeinen Zeitung; siehe Fußnote auf S. 101); hier S. 101, linke Spalte.
4
Johann Wolfgang von Goethe, »Serbische Lieder« in Über Kunst und Altertum Bd. 5, Heft 2 (1825),S. 35–60; zitiert nach Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, hrsg. von Erich Trunz, Bd. XII: Schriften zur Kunst, Schriften zur Literatur, Maximen und Reflexionen, textkritisch durchgesehen von Erich Trunz und Hans Joachim Schrimpf, S. 327–338; Zitate auf S. 337. – Karadžićs Sammlung war im Original 1814 in Wien und 1823/24 in Leipzig erschienen.
5
Licht, »Einführung« (wie Anm. 1),S. 35.
6
Licht, »Einführung« (wie Anm. 1), S. 30.
7
Erschienen in Historisches Taschenbuch, hrsg. von Friedrich von Raumer, 2. Jg., Folge 4)
8
Vgl. Licht, »Einführung«, S. 31.
9
Untertitel: Aus dem Nachlasse des Verfassung zur Ergänzung seiner frühen Schriften über Palästina (Leipzig 1865). Das Vorwort unterzeichnete die Herausgeberin mit »Th. R.« (= Therese Robinson).

1. Reger-Bezug

Reger vertonte in Opus 75 zwei Gedichte, die er Talvjs Sammlung Volkslieder der Serben (Erstveröffentlichung Halle/Leipzig 1825) entnahm: Der Knabe an die Mutter (Nr. 3) und Schlimm für die Männer (Nr. 7.). Ab der auf zwei Bände erweiterten zweiten Auflage von 1835 stehen diese beiden Gedichte im zweiten Band unter der Rubrik “Scherz- und Liebesgedichte” in direkter Nachbarschaft (Schlimm für die Männer, S. 9; Der Knabe an die Mutter, S. 10). Wie Reger auf das Buch und die Gedichte aufmerksam wurde, lässt sich anhand von Briefen rekonstruieren. Am 29. September 1903 erfolgte die entsprechende Anfrage an Josef Hofmiller, einen Realschullehrer und Redaktionsmitglied der in Entstehung begriffenen Süddeutschen Monatshefte. Reger war offenbar bei einer persönlichen Zusammenkunft Zeuge eines Gesprächs geworden, bei dem Hofmiller erklärt habe,“daß die serbischen Volkslieder so viel des Komponierbaren enthalten” und dabei auf “ein Büchlein” verwiesen. Diese “serbischen Volkslieder” erbat Reger nun “auf einige Tage zur Durchsicht” (alle Zitate siehe Brief an Josef Hofmiller vom 29. September 1903). Umgehend scheint Reger von Hofmiller Antwort erhalten zu haben. Bereits am 1. Oktober bedankte er sich bei Hofmiller und versicherte: “Die von Ihnen angegebenen [Lieder] werde ich peu à peu alle komponieren, hoffe aber sicher, daß ich außer diesen noch eine größere Anzahl finden werde!” Außerdem teilt Reger mit: “ich hab' mir das Buch sofort bestellt u. hoffe sehr, daß ich es bekommen werde; es ist nämlich möglich, daß das Buch aus dem Handel verschwunden ist”. Da “seit den serbischen Proben” seine “"Gier" nach "Volkspoesien" […] aufs höchste gestiegen” sei, fragt er Hofmiller, ob dieser noch im Besitz von vergleichbaren Anthologien zu anderen Völker (“Russen, Franzosen, Spanier, Italiener, Türken”) sei (alle Zitate Brief an Josef Hofmiller vom 1. Oktober 1903). Kurz darauf vermeldet Reger Paul Nikolaus Cossmann “daß 2 "Serben" musikalisch geworden sind!” (Brief an Cossmann vom 12. November 1903) und bittet ihn, dies seinem Redaktionskollegen Hofmiller mitzuteilen. Offenbar nachdem sich Hofmiller nach Regers Vertonungen aus den Volksliedern der Serben erkundigt hatte, teilt dieser ihm mit, 2 serbische Volkslieder hab’ ich schon komponiert; stehen in meinem neuesten (soeben vollendet!) Cyclus von 18 Liedern op 75!” (Brief an Josef Hofmiller vom 3. Dezember 1903). Weitere Vertonungen sind nicht nachweisbar.

Dass Reger nicht nur Talvjs Buch benutzte, entweder in Form des von Hofmiller geliehenen oder eines eigenen gekauften Exemplars, sondern wohl auch die umfangreiche Einleitung gelesen hatte, legt die Art der Vertonung der beiden Gedichte nahe. In der erweiterten Neuauflage von 1853 fügte Talvj der bisherigen, seit der Erstausgabe unveränderten “Vorrede” noch eine “Vorrede zur neuen Auflage” hinzu. In dieser zweiten Vorrede geht sie dezidiert auf die kulturhistorischen und poetologischen Besonderheiten der serbischen Volksdichtung ein. Hinsichtlich des Versmaßes kommt sie zu folgendem Befund: “Auch in den Frauenliedern ist der rhythmische Fall immer trochäisch oder daktylisch, nie jambisch oder anapästisch. Nach Goethe's Vorgang wählt' ich daher für den zehnsylbigen Vers den fünfüßigen Trochäus.”1. Die beiden von Reger vertonten Gedichte gehören zu diesen Frauengedichten. Während Reger ansonsten in seinen Liedern bei der musikalischen Umsetzung auf die Vermaße der Gedichte wenig Rücksicht nahm und bisweilen sogar dezidiert gegen den natürlichen Sprachduktus komponierte, sind die beiden Lieder aus Opus 75 hinsichtlich ihrer metrischen Struktur weitgehend trochäisch gehalten.

>Lieder Regers nach den von Talvj übersetzten und herausgegebenen Volkslieder der Serben

Der Knabe an die Mutter op. 75 Nr. 3 (1903)

Schlimm für die Männer op. 75 Nr. 7 (1903)


1
Volkslieder der Serben, metrisch übersetzt und historisch eingeleitet von Talvj, neue umgearbeitete und vermehrte Auflage, Leipzig 1853, Bd. 1, S. XXXIX.
Object reference

Therese Albertine Luise Jakob, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_pers_01850.html, version 3.1.4, 24th July 2025.

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