München, 26th December 1904
Max Reger to Karl Straube
Only known from: Transcript, Max-Reger-Institut/Elsa-Reger-Stiftung, Karlsruhe | Ep. As. 3856
- Max Reger
Karl Straube
Leipzig
Dorotheenplatz 1 III
Liebster Carl!
Für Deine so überaus liebenswürdige Aufmerksamkeit, mir das wundervolle Bachbild […]
Max Reger, Briefe an Karl Straube, hrsg. von Susanne Popp, Bonn 1986 (= Veröffentlichungen des Max-Reger-Instituts, Bd. 10), S. 74–76
1.
München, Preysingstr. 1b
Liebster Carl! Für Deine so überaus liebenswürdige Aufmerksamkeit, mir das wundervolle Bachbild zu schenken allerherzlichsten Dank! Ich danke Dir dafür aufs herzlichste! Ich bitte Dich aber dringendst, die näheren Bedingungen meiner Berufung – also z.B. daß mir nach 1 Jahre Gehaltserhöhung von 1450 M pro Jahr nebst den entsprechenden Alterszulagen von 360 pro Jahr, dann vollständige Dienstespragmatik (in Bayern sehr wichtig!) nebst Pension – auch für meine Witwe etc., dann der Titel eines kgl. Professors versprochen ist (schriftlich) – über all diese Sachen bitte ich Dich dringendst gegen jedermann tiefstes Silentium zu bewahren; auch über Folgendes: ich habe 12 Stunden pro Woche zu geben, die ich mir auf 4 Tage vormittags à 3 Stunden lege, bekomme dafür 3000 M im 1. Jahr; im 2. Jahr 4450 M (bei 12 Stunden; mehr geb’ ich nicht, das ist wunderbar!) sodann steigt mein Gehalt so, daß ich z.B. in 6 Jahren schon 5170 M habe. Du siehst, es ist eine Bombenstellung! 12 Stunden pro Woche, dafür im 1. Jahr 3000 M; im 2. Jahr 4450 M u. dann so steigend, daß ich nach 6 Jahren 5170 M habe, dann natürlich weitersteigend! Bitte nochmals à discretion! Du bist der einzige, der darum weiß! Silentium gegen jedermann! Übrigens hab’ ich ja unterdessen die ulkigsten Sachen in Erfahrung gebracht: bitte à discretion. So z.B. hat der bayerische Kultusminister (auf Drängen des Bayerischen Landtages) mich schon vor einem Jahre an die Akademie haben wollen – doch hat es Stavenhagen, der dortmalige Direktor – das „Sprachrohr“ der Schillings- u. Thuille-Clique hintertrieben! Bitte darüber um Diskretion!
Aber jetzt kommt was, was ich Dich dringendst bitte, überall zu erzählen: Thuille hat sich am Tage darauf, wie meine Berufung amtlich bekannt gemacht wurde – krank gemeldet! Das ist doch einfach entzückend!
Auf op. 73 freue ich mich unendlich am 3. März! Daß Du op. 73 ideal machst, das weiß ich ja! Ich hoffe Dir balde wieder Neues zum Üben hinlegen zu können!
Das Symptom d’Albert d.h. sein Frühempfehlen ist ja reizend! D’Albert’s Lieder – Schund! Überhaupt Schund – absolut keine Persönlichkeit! Ich hab’ mir jetzt auch Thuilles neue Violinsonate (Emoll) op. 30 (Frankfurt a. M.) angesehen. Das ist ja ebenfalls vollendeter Mist! Dies Urtheil ist hart – aber wahr; es ist eine Banalität in dem Werk, die nicht zu beschreiben ist; es ist ein Bächlein, schmutzig, trübe, an dem ein Infanterist steht, der gelegentlich „Hurrah“ schreit!
Daß die Kritiker über Deine Weihnachts-Oratorien-Aufführung geschimpft haben – was kann Dir das schaden! Herr Gott? Du u. ich – wir sind zu anständige Charaktere, um überhaupt all die Schleichwege, die die ehrbare Kritik wandelt, nur zu kennen!
Bei Gott, es sieht traurig, sehr traurig aus bei uns mit dem Anstand der Kritik; von „Verständnis“ der Kritik will ich ja gar nicht reden – denn da – „schweigen alle Flöten“! Gib Du Deine 2 Orgelconcerte; es ist unfehlbar daß dieselben Kerle, die Dich jetzt in den Dreck ziehen, nachher brüllen „unser Meister Straube! Bei Göthe heißt’s in der Harzreise – „zuerst ein Verachteter, nachher ein Verächter!“ Und die Saubande verdient’s nicht anders! Die tollste, unanständigste Drastik ist für diese Kerle immer noch eine Ehre! Hier haben sie z.B. meine Flötenserenade op77a verrissen – es klänge nicht und wäre durchaus unerquicklich – dabei klingt das Ding in Wahrheit entzückend, viel schöner, als ich es je selbst zu träumen wagte!
Wenn Nikisch in Wahrheit regerbegeistert wäre, so wäre das ja hochfein! Ich gehe morgen nach Frankfurt a. Main, mache am 30. dort im Museum mein op. 78 [Cellosonate F-dur] mit Hugo Becker, während am selben Abend das Heermann-Quartett mein op. 74 [Streichquartett d-moll] macht! Sodann gehe ich direkt nach Berlin, gebe am 3. Januar in Berlin einen Regerabend op 72 [Violinsonate C-dur], 77a, 50I [Romanze G-dur] und Lieder (Hess), am 4. ebenfalls in Berlin begleite ich Fr. Rahn; am 6. ist Regerabend in Essen mit op 72, 77b [Streichtrio a-moll], 74, 86 [Beethoven-Variationen]; am 8. spiele ich in Essen „Vom Himmel hoch“ [WoO V/4 Nr. 1]; am 12. in Zürich op 72, dann op 72 am 25. in Basel; op 72 am 30. in Stuttgart; dann am 7. Februar op 72 und 86 bei Steinbach in Cöln; op 72, 49I [Klarinettensonate A-dur]; Lieder, op 86 am 13. Februar in Heidelberg; am 19. Februar Regerabend in Wien; op 81 [Bach-Variationen], 86, Lieder etc. am 21. Februar op 24 in Wien; am 3. März und 4. März Regerabende in Leipzig (op 73), dann op 81, 78, 77b und 86) am 7. März in Berlin mit Marteau, op 81 und 86 am 9. in Berlin, am 27. März Regerabend in Darmstadt.
Meine Stellung trete ich erst am 1. Mai an! Früher kann ich nicht, da ich ja bis Ende März immer unterwegs bin!
Daß es Deiner Frau Gemahlin nun besser geht, freut mich sehr; hoffentlich hält die Besserung an; unsere besten Wünsche dazu! – Extra Grüße von uns an Klein Elisabeth! Deinen Eltern lasse ich am 3. Januar [1905] Berlin Karten senden! Denke Dir, Hermann Wolff’s Witwe ist eifrigste Regerianerin geworden; bringt halb Berlin auf die Beine für den 3. Januar. Ist das nicht fabelhaft! Denke Dir, ich werde in Berlin so mit Gesellschaften angefeiert, daß ich einige wegen Zeitmangels ablehnen mußte, da ich doch nicht jeden Abend 2 Gesellschaften „beehren“ kann! Eine Gesellschaft mir zu Ehren, wo Hülsen-Hochberg gekommen wäre, habe ich – abgelehnt! Dieser Reger ist doch ein toller Bruder! Was soll ich mit Hülsen-Hochberg tun??? Es ist einfach fabelhaft, wie sich Berlin jetzt für mich macht. Am 18. Dezember waren schon 300 M Überschuß vom Konzert am 3. Januar durch Vorverkauf erreicht! Bitte à strengste Diskretion! Das ist doch toll; – am 19. Dezember wurde der Vorverkauf bei Wertheim eröffnet – am 20. telephonierte er um weitere Billette! – Bitte, à strengste Diskretion! Nun nochmals schönsten, allerherzlichsten Dank für das wundervolle Bachbild, das ich mir sofort einrahmen lasse!
Schönste, herzlichste Grüße Dir, Deiner sehr verehrten Frau Gemahlin und Klein-Elisabeth! von uns allen, besonders von Deinem Dir zeitlebens für Deine so treue Freundschaft und unschätzbaren Dienste
dankbarst ergebenster
Max Reger.
Object reference
Max Reger to Karl Straube, München, 26th December 1904, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_postObj_01007656.html, version 4.0, 18th December 2025.
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