Herzogliche Hofkapelle Meiningen

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Orchester
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Meiningen

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1.

1.1.

Max Reger mit den Musikern der Herzoglichen Hofkapelle. Leipzig 1913.
Max Reger mit den Musikern der Herzoglichen Hofkapelle. Leipzig 1913.

1680 begründete der Wettiner Herzog Bernhard I. das Fürstentum Sachsen-Meiningen und bestimmte Meiningen zur Haupt- und Residenzstadt. Zwei Jahre später ließ er den Bau des Schlosses Elisabethenburg und der Schlosskirche beginnen (fertiggestellt 1692). 1690 erfolgte die Gründung der Hofkapelle. Das kleine, zunächst nur aus wenigen Musikern und Sängern bestehende Ensemble wurde von 1702 bis 1707 von dem Sänger und Komponisten Georg Caspar Schürmann geleitet, der zuvor in Hamburg an der Oper am Gänsemarkt sowie als Opern-und Kirchenmusikdirektor in Braunschweig und Wolfenbüttel tätig war. Er baute die Meininger Hofkapelle weiter aus und führte mit ihr auch eigene Opern auf. Von 1711 bis 1731 versah Johann Ludwig Bach, ein Vetter von Johann Sebastian Bach, den Dienst als Kapellmeister. Er war zuvor als Oboist selbst Musiker der Hofkapelle gewesen und hatte ab 1709 das Amt des »Capell Inspectors« innegehabt. Bachs Werk ist nur noch unvollständig überliefert und besteht aus weltlicher und geistlicher Musik, darunter zwei Messen und 24 Kantaten. Unter der Ägide von Johann Matthäus Feiler (1778–1814) kam es nicht nur zu einem Aufschwung der Oper in Meiningen, er führte auch das Abonnement-Konzert ein. Zwischen 1829 und 1865 bekleideten zwei Schüler von Louis Spohr das Amt des Meininger Kapellmeisters, Eduard Grund und Johann Joseph Bott. Mit Grunds Oper Fra Diavolo wurde 1831 das neue Theatergebäude eröffnet.1

In die Dienstzeit des Kapellmeisters Emil Büchner fiel eine tiefgreifende Veränderung. Mit Beginn der Regentschaft von Georg II. Herzog von Sachsen-Meiningen kam es 1866 zur Einstellung des Opernbetriebs zugunsten des Sprechtheaters. In der Folge sollte sich das Meininger Hoftheater insbesondere mit Shakespeare-Inzenierungen profilieren und zu einem der führenden europäischen Ensembles entwickeln. Die Meininger Hofkapelle wurde in der Folge zum reinen Symphonie-Orchester, das auf Wunsch des Herzogs nunmehr in den Abonnement-Konzerten von den herkömmlichen Potpourri-Programmen absehen und nur noch vollständige Werke in ihrer originalen Gestalt spielen sollte. Als Hans von Bülow 1873 auf Initiative der neuen Gattin des Herzogs, Freifrau von Heldburg (vormals die Schaupielerin Helene [»Ellen«] Franz), seiner ehemaligen Klavierschülerin und Jugendfreundin seiner Frau Cosima, erstmals nach Meiningen kam, um die Hofkapelle zu dirgieren, fand er ein exzellent eingestelltes Orchester vor.2 Wegen des hohen Niveaus des Klangkörpers bat Richard Wagner den Herzog um die Entsendung von Musikern in das Orchester der 1876 gegründeten Bayreuther Festspiele. Die 26 festangestellten Musiker der Meininger Hofkapelle versahen seitdem turnusmäßig dort den Dienst. 1879 gelang es Georg II. Hans von Bülow, der seit 1877 Hofkapellmeister in Hannover war, nach Meiningen zu verpflichten. Für Bülow bestand die Attraktivität des Engagements vor allem darin, dass er mit einem Orchester ohne Opernverpflichtungen arbeiten konnte, der Herzog wiederum fand in Bülow den idealen Partner für die Umsetzung seiner Ziele, die, ganz entsprechend den »Meininger Prinzipien«, die er für das Hoftheater entwickelt hatte, darin bestanden, »Musteraufführungen« für »historische Konzerte« erarbeiten zu lassen, wobei Beethoven im Vordergrund stehen sollte. Hierfür war Georg bereit, Bülow die notwendige Probenzeit zu ermöglichen sowie das Orchester im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten aufzustocken. Bülow führte als Neuerung Register- und Gruppenproben sowie den gemeinsamen Auf- und Abstrich bei den Streichern ein. Außerdem wurde Wert auf Kammermusik gelegt. In seiner ersten Saison gab Bülow vom 1. Oktober bis zum 19. Dezember 1880 einen Beethoven-Zyklus, für den »rund 200 Proben«3 absolviert wurden. Im Abschlusskonzert ließ Bülow als Experiment die IX. Sinfonie zweimal hinereinander spielen, um dem Abonnement-Publikum ein besseres Verständnis zu ermöglichen. Danach ging er mit dem Orchester auf Tournee durch Franken, wobei in jeder Stadt ein anderes Programm gespielt wurde, sodass ortsansässiges und mitreisendes Publikum stets für volle Säle sorgte. Für Konzertreisen in die Musikmetropolen Leipzig, Berlin und Wien mit entsprechend großen Aufführungsräumen hatte das Orchester mit seinen zunächst lediglich 42 (später dann 50) Musikern noch eine zu kleine Besetzung (der Streicherapparat teilte sich in 10/8/6/4/4). Zudem bedeutete die Reisetätigkeit für die Musiker auch eine finanzielle Belastung, weil die Spesen, zumal bei den nicht festangestellten Mitgliedern des Orchesters, die sonst üblichen Einnahmen aus Nebentätigkeiten nicht aufwiegen konnten. Die Reisesaison reichte von Januar bis März, wobei die einzelnen Tourneen aus Kostengründen nicht länger als 2 1/2 Wochen dauern sollten. Für die Organisation der Konzertreisen konnte der Berliner Konzertagent Hermann Wolff gewonnen werden. Der Herbst war der Probenarbeit vorbehalten. Bülow bereicherte das Repertoire um Orchesterwerke von Weber, Liszt, Schumann, Mendelssohn, Mozart, Schubert und Brahms, wobei sich die Abonnementkonzerte jeweils einem Komponisten widmeten, sowie um Kammermusik von Bach, Händel, Mozart, Raff, Beethoven und Haydn. 1882 wagte Bülow dann mit den Meiningern den Sprung nach Berlin und Leipzig, um nach dem Beethoven-Zyklus nun das Werk von Johannes Brahms zu befördern. 1884 standen auch Dresden, Wien und Prag auf der Reiseliste. Nach den auf eine Komponistenpersönlichkeit zugeschnittenen »historischen« Programmen erweiterte Bülow ab 1884 die Rahmen. Für die Tourneen wurden nun auch sogenannte »Volkskonzerte« angeboten, die gleichwohl nicht auf eine instruktive Komponente verzichteten. Sie widmeten sich bevorzugt nationalen Stilen. Im September 1885 erfolgte in Meiningen die Uraufführung von Brahms' 4. Symphonie.

Im Dezember 1885 wurde auf Betreiben Bülows Richard Strauss als dessen Nachfolger eingesetzt. Strauss verließ Meiningen aber bereits im April 1886 aus Protest gegen die Kürzung um 12 Orchesterplanstellen. Ihm folgte Fritz Steinbach nach. Steinbach führte einerseits die Beethoven- und Brahmstradition der Bülow-Ära fort, stellte ihr aber beispielsweise mit Wagner und Dvorak eigene Akzente zur Seite. Vor allem kümmerte sich Steinbach um die Chorarbeit und legte einen Schwerpunkt auf die Aufführung von Oratorien (Händel, Haydn, Schumann). 1890 leitete er die Meininger Erstaufführung von Bachs Matthäus-Passion in der Stadtkirche mit 300 Mitwirkenden.4 Bei seinen Bach-Interpretationen (Brandenburgische Konzerte, Matthäus-Passion) setzte Steinbach teilsweise historische Instrumente ein. Die Einbeziehung von Chorvereinigungen beförderte das Musikleben im gesamten Herzogtum und zeitigte Synegie-Effekte. Ab 1896 war die Meininger Hofkapelle jährlicher Gast beim Eisenacher Musikverein, außerdem erfreuten sich die mehrtägigen Landesmusikfeste großer allgemeiner Beliebtheit. Daneben pflegt Steinbach mit dem inzwischen wieder aufgestockten Orchester auch die überregionale Konzerttätigkeit. Regelmäßig gastierte man in Berlin. Das Auslandsengagement wurde auf die Niederlande und im Herbst 1902 sogar auf London ausgeweitet. Dort waren alle fünf Konzerte in der 3000 Zuhörer fassenden St. James Hall ausverkauft.5 Im Frühjahr 1903 verließ Steinbach Meiningen, um in Köln die Nachfolge von Franz Wüllner als Leiter des Kölner Konservatoriums und der Gürzenich-Konzerte anzutreten. Ihn beerbte der Berliner Kompositionsprofessor Wilhelm Berger. Berger bereicherte die von seinen Vorgängern übernommene Tradition um eigene Kompositionen sowie insbesondere um ein neues Kammermusikformat. Als hervorragender Pianist bildete er zusammen mit dem Solocellisten Karl Piening und dem Soloklarinettisten Wilhelm Mühlfeld das Meininger Trio. Zum Unwillen des Herzogs ließ Berger die Streicher der Hofkapelle auf moderne Weise im Sitzen spielen und eckte auch sonst mit seinem Versuch an, die konservative Brahmspflege in Meiningen weniger stark zu betonen. Hinzu kam dann noch, dass seine Konzerte Defizite erwirtschafteten. Am 5. März 1908 schließlich zog ein verheerender Theaterbrand das Kulturleben Meiningens schwer in Mitleidenschaft. Das Casino als Ausweichquartier erwies sich in jeder Hinsicht als unzulänglich, sodass für mehr als 1 1/2 Jahre keine Arbeit auf dem gewohnten Niveau möglich war. Durch eine Erkrankung bereits für einen längeren Zeitraum geschwächt, verstarb Berger am 15. Januar 1911 an den Folgen einer Magenoperation. Sein Nachfolger wurde Max Reger, der seine Ernennungsurkunde am 15. März 1911 erhielt und seinen Dienst am 1. Dezember antrat. Reger stellte sich in die Tradition Bülows, wie bereits die Programmgestaltung seines Antrittskonzerts vom 12. Dezember zeigte. Reger dirigierte neben dem Meistersinger-Vorspiel, einem Repertoireklassiker des Orchesters, Brahms dritte Symphonie, die Bülow gewidmet ist und Beethovens Eroica, mit der auch Bülow sein Debut in Meiningen gegeben hatte. Wie Bülow stellte auch Reger wieder Bach, Brahms und Beethoven ins Zentrum des Repertoires und legte einen Schwerpunkt auf die Reisetätigkeit. Wie Bülow bespielte Reger zunächst die umliegende thüringische Provinz, bevor er sich im März 1912 nach Berlin wagte. Es sollte Regers einziges Konzert mit den Meiningern dort sein, die mit ihrer kleinen Besetzung zunehmend die Erwartungen an ein großes Sinfonieorchester zumindest in den Musikmetropolen nicht mehr erfüllen konnten. Aus demselben Grund blieb dem Orchester ein erheblicher Teil des modernen Repertoires versperrt, das häufig opulentere Instrumentierungen forderte. Bei der Herbsttournee des Jahres 1912 wurden in 20 Tagen 20 Städte zwischen Magdeburg und Colmar bespielt. Für das Jahr 1913 standen dann neben dem üblichen Abonnementbetrieb und der Teilnahme an Musikfestes in Meiningen, Gießen, Zweibrücken und Pirmasens zwei Tourneen an. Die auf 25 Konzerte ausgelegte Gastspielreise von 1914, die über Franken und Hessen in den Westen und Südwesten Deutschlands führte, musste Reger nach einem Schwächeanfall am 28. Februar in Hagen/ Westf. abbrechen. Seiner Bitte um Entlassung sowie der beigelegten Bewerbung von Fritz Stein stimmte der Herzog zwar noch zu, verstarb aber kurz vor Inkrafttreten der Entlassung am 1. Juli. Sein Nachfolger Bernhard III. überließ die Geschicke der Hofkapelle dem Hofmarschallamt. Dieses kündigte bereits am 15. August den 21 Saisonmitgliedern des Orchesters, sodass noch lediglich 33 festangestellte Musiker übrig blieben. Allerdings hatte es seit dem 30. Juli in Meiningen Einberufungen gegeben, sodass davon auszugehen ist, dass auch einige dieser Orchestermitglieder eingezogen wurden. Am 11. September 1914 leitete Reger sein letztes Konzert in Meiningen und am 20. September 1914 in Hilburghausen sein letztes Konzert mit der Hofkapelle überhaupt. Jeweils handelte es sich um Wohltätigkeitskonzerte für die nicht fest angestellten Orchestermitglieder. Da Fritz Stein sein Amt nicht antrat, teilten sich nunmehr der Konzertmeister Hans Treichler und der Solocellist Karl Piening die Orchesterleitung, der ab der Saison 1915/16 die alleinige Verantwortung übernahm .6 Während der Kriegsjahre spielte die Meininger Hofkapelle vor allem Wohltätigkeitskonzerte. Nach dem I. Weltkrieg wurde die Hofkapelle aufgelöst und ging unter dem Namen Landeskapelle Meiningen in den Besitz des Landes Thüringen über. 1952 wurde das Orchester dem Meininger Theater angegliedert, seit 2006 heißt es wieder Meininger Hofkapelle.


1
Siehe Maren Goltz, Musiker-Lexikon des Herzogtums Sachsen Meiningen (1680–1918), Meiningen 2012 (urn:nbn:de:gbv:547–201200041), S. 247.
2
»Es war prachtvoll wie selten etwas. Die Eroica ging mit einer Weihe, einem Feuer, wie selten vorgkommen sein mag – überhaupt Alles war fleckenlos, der Enthusiasmus bei Ausführenden wie Zuhörenden wahrhaft meridional.« Brief von Bülows an Louise Welz vom 29. Dezember 1873, zitiert nach Hans von Bülow, Briefe und Schriften, hrsg. von Marie von Bülow, Bd. VI, Leipzig 1904, S. 121.
3
Hertha Müller, »Die 'Musikalischen' Meininger auf Reisen«, in Die Meininger kommen! Hoftheater und Hofkapelle zwischen 1874 und 1914 unterwegs in Deutschland und Europa, Redaktion Volker Kern, Hertha Müller, Meiningen 1999, S. 34–78; hier S. 38.
4
Siehe ebda., S. 55.
5
Vgl. ebda., S. 58.
6
Vgl. Klaus Reinhardt, Ein Meininger Musiker an der Seite von Brahms und Reger. Das Wirken des Cellisten und Dirigenten Karl Theodor Piening (1867–1942), Hannover 1991, S.99ff.

1. Reger-Bezug

Anlässlich der Aufführung seiner Klarinettensonate op. 107 in Gotha bekannte Reger 1910 gegenüber dem Soloklarinettisten der Meininger Hofkapelle Hermann Wiebel: »Es wäre mein grösster Wunsch, wenn ich Kapellmeister der Meininger Kapelle werden könnte. Dann könnte ich meine Werke so aufführen, wie ich sie mir beim Komponieren gedacht habe. Ihr seid das einzige Orchester von Rang, das wirklich Zeit zum ausgiebigen Probieren hat, da ihr keinen Operndienst habt.«1 Nach dem Tod Wilhelm Bergers am 15. Januar 1911 ergab sich dann die Möglichkeit, diesen Wunsch die Tat umzusetzen. Obwohl die Nachfolge noch nicht ausgeschrieben war, hatten sich in Meiningen bis zum 2. März 28 Interessenten gemeldet, darunter auch Reger, der auf Platz 15 gelistet ist. Statt eines Bewerbungsschreibens liegt aber nur ein Notizzettel des Oberhofmarschalls vor, aus dem hervorgeht, dass Reger sich an den Solocellisten Karl Piening gewandt habe und für die Stelle bereit stünde, wenn man sie ihm anböte. Außerdem habe er sich gegenüber dem Konzertmeister Hans Treichler dahingehend geäußert, dass er sich gegenüber seiner jetzigen Position als Universitätsmusikdirektor in Leipzig finanziell nicht verschlechtern wolle. Ferner wurde von Piening auf Regers Alkoholproblem hingewiesen und seine dirigentische Qualität infrage gestellt.2 Ungeachtet dieses zweifelhaften Urteils und den unannehmbaren Gehaltsvorstellungen erhielt Reger den Zuschlag. Ausschlaggebend war wohl die Fürsprache Fitz Steinbachs, der dem Herzog schrieb: »[…] käme aus der Bewerberliste Dr. Reger in erster Linie in Frage. Reger ist der größte absolute Musiker der Jetztzeit. Er fußt auf Bach+Brahms. Seine Compositionen sind zum Teil sehr schwer verständlich, gehören aber zum Bedeutendsten nach Brahms. Seine Berufung wäre eine Sensation wie s.Z. die von Bülow. Er ist ein ganz herrlicher Klavierspieler – Bach spielt ihm Niemand nach – + ein ausgezeichneter Dirigent. Es ist wahr, er hat früher Bachus zu sehr gehuldigt, seit er in Leipzig ist, soll er solid geworden sein.«3 Am 25. und 26. Februar telegrafierte der Herzog aus seinem französischen Kurort Cap Martin sowohl dem Hofmarschall Leo von Schleinitz als auch Steinbach, mit dem Auftrag, Reger zu einer Zusage zu den am Hofe üblichen Konditionen zu bewegen, die sich auf 2/3 der Gehaltsvorstellungen belaufen. Am 27. Februar sagte Reger dem Hofmarschall zu (Brief. Thüringisches Staatsarchiv Meiningen, Hofmarschallamt 2389, Bl. 5–8). Die Ernennungsurkunde ist auf den 17. März datiert (Urkunde. Meininger Museen, Inventar-Nr. XI-I 3902 / V 265/20).

Der Dienstantritt war auf den 1. Dezember 1911 festgelegt. Für die neue Spielzeit war das Orchester um 4 Saisonkräfte auf 53 Musiker aufgestockt worden, hinzu kamen gelegentlich Schüler von Reger und Piening. Nachdem Reger sich in seinem Antrittskonzert vom 12. Dezember insbesondere in die Dirigiertradition Bülows gestellt hatte (s.o.), zeigte er sich bereits im Folgekonzert vom 26. Dezember mit einem eigenen Profil. Er trat als Pianist solistisch bei der Aufführung des 5. Brandenburgischen Konzerts von Johann Sebastian Bach in Erscheinung und stellte sich in Meiningen auch als Komponist vor. Die Hiller-Variationen sollten sich fest im Repertoire der Hofkapelle etablieren. Georg II., der aufgrund eines Gehörleidens für längere Zeit dem Konzertbetrieb fern geblieben war, zeigte großes Interesse an Regers Arbeit und besuchte nicht nur dessen Antrittskonzert mit dem Orchester, sondern auch den ersten Kammermusikabend am 5. Januar 1912, den Reger in der Tradition Bülows veranstaltete und der ausschließlich der Präsentation eigener Werke diente. Von der Meininger Presse wurde Reger von Anfang an gefeiert: »Es gab nur eine Stimme der Bewunderung über das Außerordentliche, was er mit der Kapelle bot […]. Alles war gediegen, bis ins Innerste hinein bedacht und empfunden. Man kann sagen: Als Komponist in den Augen der Zuhörer betrat er das Podium und als gefeierter Dirigent verließ er es wieder […].«4 Regers Beliebtheit auch beim Publikum zeigt sich in der Erhöhung der Abonnentenzahlen von 159 (1911/12) über 170 (1912/13) zu 180 (1913/14). Neben der Traditionspflege hat Reger das Repertoire der Hofkapelle erweitert und modernisiert. Für ein Konzert am 25. Februar 1913 setzte er Tod und Verklärung von Richard Strauss zusammen mit Prélude à l'après-midi d'un faune von Claude Debussy auf das Programm. Reger hat die verhältnismäßig kurze Zeit als Kapellmeister in Meiningen genutzt, um Erfahrung im Umgang mit einem Orchester zu erlangen. Beispielsweise führte er auch akustische Experimente durch und probierte unterschiedliche Varianten der Orchesteraufstellung aus. Vor allem aber ging es ihm darum, als Komponist von seinem Engagement zu profitieren. In der Meininger Zeit nutzte Reger die Orchesterferien verstärkt zur Komposition von Orchesterwerken, die er dann in der neuen Saison ausgiebig erproben und aufführen konnte. So entstanden 1912 das Georg II. gewidmete Konzert im alten Stilop. 123, Eine romantische Suite op. 125, 1913 Vier Tondichtungen nach Arnold Böcklin 128 Eine Ballett-Suiteop. 130 und 1914 die Mozart-Variationenop. 132 neben Eine vaterländische Ouvertüreop. 140. In besonderem Maß widmete sich Reger dem Orchesterlied als Repertoirebereicherung. Neben den Originalkompositionen An die Hoffnungop. 124 (1912) und Hymnus der Liebeop. 136 entstanden vor allem Instrumentierungen von Klavierliedern – sowohl eigener aus Opus 75, 76, ref>97 und 98 als auch von anderen Komponisten wie Johannes Brahms, Franz Schubert, Edvard Grieg und Hugo Wolf. Während Reger diese überwiegend 1914 entstandenen eigenen Bearbeitungen aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr mit der Meininger Hofkapelle zur Aufführung bringen konnte, dirigierte er die Orchestrierungen von Liedern aus den Schlichten Weisen (Waldeinsamkeit Nr. 3, Glück Nr. 16, Des Kindes Gebet Nr. 22, Der Postillon Nr. 42) durch Richard Sahla im Herbst 1913 in mehreren Konzerten.


1
Hermann Wiebel, »Erinnerungen an Max Reger (1950)«, in Mitteilungen der Internationalen Max Reger Gesellschaft 2. Heft (2001), S. 3–11; hier S. 3.
2
Vgl. Herta Müller, »Max Reger am Meininger Hof«, in Festschrift für Susanne Popp, hrsg. von Siegfried Schmalzriedt und Jürgen Schaarwächter (= Reger-Studien Band 7), Stuttgart 2004, S. 393.
3
Brief Steinbachs vom 17. Februar 1911 an Herzog Georg III., zitiert nach Herta Müller, »Max Reger am Meininger Hof«, in Festschrift für Susanne Popp, hrsg. von Siegfried Schmalzriedt und Jürgen Schaarwächter (= Reger-Studien Bd. 7), Stuttgart 2004, S. 400. Original Meininger Museen, Inventar-Nr. XI-1 1603/V Br 124/1.
4
Meininger Tageblatt Nr. 292 (13. Dezember 1911), zitiert nach Müller, »Max Reger am Meininger Hof«, S. 422.
Object reference

Herzogliche Hofkapelle Meiningen, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_inst_00117.html, version 4.0, 18th December 2025.

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