Alexander Siloti
Correspondence
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1.
1.1.
Alexander Iljitsch Siloti kam am 27. September 1863 als eines von sieben Kindern von Julia Rachmaninowa und Ilja Siloti im ukrainischen Charkiw zur Welt.1 Sein Großvater mütterlicherseits, der Geschäftsmann Arkadi Rachmaninow, hatte bei John Field Klavier studiert, der zehn Jahre jüngere Sergei Rachmaninow war Alexanders Cousin. Siloti sprach bereits als Kind neben Russisch fließend Deutsch und Französisch.
Wie sein Bruder Sergei, der später Admiral wurde, kam Alexander im Alter von acht Jahren in die Moskauer Militärakademie, wurde jedoch als pianistisches Talent bald in die Musikpension von Nikolai Swerew aufgenommen, in der später auch Rachmaninow und Alexander Skrjabin wohnten. 1875 wechselte er an das Moskauer Konservatorium, wo Nikolai Rubinstein (Klavier), Peter Tschaikowski (Komposition) und Sergei Tanejew (Musiktheorie) seine berühmten Lehrer waren . Im Oktober 1880 spielte Siloti im Konservatorium als Ersatz für einen erkrankten Pianisten den ersten Satz aus Anton Rubinsteins erstem Klavierkonzert e-Moll op. 25 und gab einen Monat später sein Solo-Debüt mit einem Klavier-Recital. Nach Nikolai Rubinsteins Tod erhielt er zunächst Privatunterricht bei dessen Bruder Anton und wechselte dann Ende 1882 mit einem von Swerew vermittelten Stipendium der russischen Musikgesellschaft zu Franz Liszt nach Weimar.
Seine Erinnerungen an die für ihn sehr prägende Zeit der Schülerschaft bei Liszt, die bis zu dessen Tod 1886 währte, hat Siloti 1911 in seinem Buch Moi vospominanija o F. Liste (englische Übersetzung: My Memories of Liszt, 1913) festgehalten. Liszt blieb nicht nur Silotis Leitstern für sein Wirken als Pianist und Bearbeiter, sondern er kommunizierte nach dem Tod des Idols nach eigenem Bekunden auch telephatisch mit ihm. In Weimar profilierte sich Siloti innerhalb des Liszt-Schülerkreises vor allem durch seine virtuose Interpretation von Liszts Totentanz, den er auch bei seiner vielbeachteten Deutschland-Premiere in der Leipziger Buchhändlerbörse im November 1883 spielte. Zudem trat er bei diesem Anlass als Solist im ersten Klavierkonzert seines Lehrers auf. Da sein Konzertagent Swerew die Mitwirkung bei einem Benefizkonzert 1884 in Moskau untersagte, verlor Siloti sein Stipendium der rusisschen Musikgesellschaft und musste seinen Weimar-Aufenthalt fortan durch europaweite Konzerte finanzieren. Überdies erhielt er eine großzügige Spende der Klavierbaumfirma Blüthner. 1884 gab Siloti in Weimar auch sein Debüt als Dirigent bei Liszts erstem Klavierkonzert. Eine entsprechende Ausbildung hatte er vermutlich nicht erhalten, sondern blieb, mit Ausnahme einiger Hospitationen bei Arthur Nikisch, in diesem Bereich Autodidakt. 1885 gründete er zusammen mit anderen Liszt-Schülern wie Bernhard Stavenhagen und Arthur Friedheim in Leipzig einen Liszt-Verein (Präsident: Martin Krause), der der Pflege von Liszts Œuvre verpflichtet war und Klavierabende und Orchesterkonzerte (u.a. mit Arthur Nikisch) realisierte. 1887 heiratete er Vera Tretjakowa und damit in eine der wohlhabendsten Familien Moskaus ein. Veras Vater, der Textilunternehmer Pavel Tretjakow, war einer der Gründer der Moskauer Handelsbank und baute mit seinem Bruder Sergei eine bedeutende zeitgenössische Kunstsammlung mit knapp 1500 Gemälden auf, die 1892 an die Stadt Moskau überging und den Grundstock der nach den Brüdern benannten, bis heute existierenden Tretjakow-Galerie bildete.
Nach Liszts Tod 1886 übersiedelte Siloti zunöchst nach Moskau, wo er mit dem Geiger Emile Sauret und dem Cellisten Heinrich Grünfeld ein Klaviertrio bildete, das unter anderem für die Interpretation von Tschaikowskis Trio a-Moll op. 50 bekannt war. Nachdem das junge Ehepaar Siloti 1887 für eine kurze Zeit in Leipzig gewohnt hatte, übernahm Siloti ab Sommer 1888 eine Lehrposition für Klavier am Moskauer Konservatorium. Gleichzeitig wurde er gewissermaßen zum Privatsekretär seines engen Freundes Tschaikowski, den er zuvor auf seiner Europareise begleitet hatte und mit dessen berühmten Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll op. 23 er in Berlin und Wien als Solist aufgetreten war. Siloti übernahm die Korrektur zahlreicher Werke Tschaikowskis, wobei seine kürzenden Eingriffe in das zweite Klavierkonzert op. 44 so eklatant waren, dass sie den Protest des Komponisten hervorriefen. Dessen ungeachtet erschien Silotis revidierte Fassung 1897, vier Jahre nach dem Tod Tschaikowskis. Fortwährende Differenzen mit Wassili Safonow, dem Nachfolger von Tanejew als Direktor des Moskauer Konservatoriums, führten im Frühjahr 1891 zur Kündigung Silotis.
Von 1892 bis 1900 unternahm Siloti ausgedehnte Konzertreisen, zunächst in Europa, wobei er unter anderem mit Richard Strauss und Edvard Grieg zusammenarbeitete, 1898 konzertierte er erstmals auch in den USA. Im Oktober 1901 leitete er in Moskau die erste vollständige Aufführung von Rachmaninows zweitem Klavierkonzert op. 18 mit dem von ihm langjährig geförderten Komponisten als Solisten. Für die Konzertsaison 1902/03 wurde Siloti dann als Dirigent und Musikdirektor der Moskauer Philharmonischen Gesellschaft engagiert und realisierte in dieser Funktion mit der Kantate Frühling op. 20 eine weitere Premiere eines Rachmaninow-Werkes. Zu einer Verstetigung der Dirigiertätigkeit kam es – wohl aufgrund seiner lediglich autodidaktisch erworbenen Fertigkeiten – jedoch nicht.
1903 zog Siloti mit seiner Familie nach St. Petersburg und rief dort eine vielbeachtete Konzertreihe mit zeitgenössischer Musik, »die Koncerty Alexander Ziloti« ins Leben, die bis 1917 Bestand hatte und von ihm und seiner Familie organisiert und weitgehend selbst finanziert wurde. Mit der Konzertreihe, bestehend aus Orchester- und Kammermusikkonzerten, die jeweils in den Wintermonaten im Saal der Adelsversammlung, später auch im Konservatorium und 1907–08 im Mariinski-Theater stattfanden, avancierte Siloti zum Mentor der aktuellen und kommenden russischen Komponistengeneration: So kamen zahlreiche Werke zur Uraufführung, oftmals aus dem Manuskript dirigiert bzw. gespielt von den Komponisten selbst. Zu nennen sind etwa die Sinfonie Nr. 8 op. 83 und Introduction et la Danse de Salomé op. 90 von Alexander Glasunow, die Sinfonie Nr. 2 op. 27 und die Klaviersonate Nr. 2 op. 36 von Rachmaninow, die »Präludium-Kantate« Aus Homer op. 60 und Dubinushka op. 62 von Nikolai Rimski-Korsakow, Pohjolas Tochter op. 49 und Nächtlicher Ritt und Sonnenaufgang op. 55 von Jean Sibelius, Scherzo fantastique op. 3, Feu d’artifice op. 4 und die erste Suite aus dem BallettL’Oiseau de feu von Igor Strawinski sowie die Sinfonietta op. 5, die Skythische Suite op. 20 und zahlreiche Klavierstücke von Sergei Prokofjew. Darüber hinaus boten die Konzerte ein breites Panorama zeitgenössischer westeuropäischer Musik und gab dem Publikum die Möglichkeit, deren Protagonisten kennenzulernen, die Siloti nach St. Petersburg einlud und während des Aufenthalts in seinem Haus beherbergte. Es kamen unter anderem Edward Elgar, Max von Schillings, Max Reger (siehe unten, 1906), Jean Sibelius, Georges Enescu, Arnold Schönberg und Gabriel Fauré. Siloti dirigierte bzw. spielte als Solist oder Kammermusiker in vielen dieser Konzerte selbst oder engagierte international renommierte Interpreten wie Pablo Casals, Eugène Ysaÿe, Alexander Skrjabin, Nikolaj Medtner, Jacques Handschin oder Alfredo Casella. Als Gastdirigenten konnte er unter anderem Felix Mottl, Felix Weingartner, Arthur Nikisch, Willem Mengelberg und Albert Coates gewinnen.2 Während der Kriegsjahre 1915–1917 führte Siloti, mit finanzieller Unterstützung des Dichters Maxim Gorki, sonntägliche Volkskonzerte durch, bei denen Werke russischer Komponisten in kleinen Besetzungen (oftmals an zwei Klavieren) präsentiert wurden.3
Während der Revolutionsunruhen im Februar 1917 wurde die Wohnung der Familie Siloti, die zum Großbürgertum St. Petersburgs gehörte, geplündert und damit auch und Teile der Musiksammlung gestohlen. Als Siloti, der seit Mai 1915 Intendant des Mariinski-Theaters war, sich nach der Verstaatlichung der Kulturinstitutionen weigerte, die Schlüssel der kaiserlichen Loge des Theaters auszuhändigen, wurde er verhaftet und kurzzeitig unter Hausarrest gestellt. Im Mai 1918 konnte er noch die russische Erstaufführung von Strawinskis Oper Le rossignol in der wegweisenden Inszenierung von Wsewolod Meyerhold (Dirigent: Albert Coates) realisieren. Anfang 1920 floh Siloti mit seiner Familie, die ihres Vermögens beraubt war, nach Finnland.
Zunächst versuchte er einen Neuanfang in Westeuropa. Im finnischen Mikkeli organisierte er ein Sibelius-Konzert und spielte ein Solo-Recital. Es folgten Konzerte unter anderem in Berlin und Paris, im Oktober 1920 debütierte er in der Londoner Wigmore Hall mit seiner oft gespielten Klavierbearbeitung von Johann Sebastian Bachs Chromatische Fantasie und Fuge BWV 903. Letzlich entschloss sich die Familie jedoch zur Auswanderung in die USA und kam Ende 1921 in New York an. Siloti setzte seine Solokarriere landesweit fort und spielte unter berühmten Dirigenten wie Leopold Stokowski, Willem Mengelberg oder Pierre Monteux sowie 1931 auch unter Arturo Toscanini. Im Oktober 1925 erhielt er eine Anstellung als Klavierprofessor an der Juilliard Graduate School, New York, der er bis zu seiner Pensionierung im Mai 1942 nachging. Sein letztes öffentliches Konzert gab Siloti im November 1936 zu Ehren des 125. Geburtstags von Franz Liszt mit demselben Programm, dass er 1883 in Leipzig im Beisein seines Lehrers gespielt hatte. Alexander Siloti starb am 8. Dezember 1945 infolge einer Lungenentzündung.
Siloti hat über 200 Editionen und Bearbeitungen von Werken anderer Komponisten hinterlassen und galt als “a bravura second author”4. Im Zentrum seiner Bearbeitertätigkeit, zumeist für Klavier solo, steht das Œuvre von Johann Sebastian Bach. Er selbst nahm am häufigsten seine Adaption des Brandenburgischen Konzerts Nr. 5 BWV 1050, der Chromatischen Fantasie und Fuge BWV 903 oder des Violin-Doppelkonzerts BWV 1043 (für zwei Klaviere) auf das Programm. Weitere Bearbeitungen umfassen zumeist Werke russischer Komponisten wie Glasunow, Ljadow, Rachmaninow, Rimski-Korsakow und Tschaikowksi. Dabei zielen seine Einrichtungen “in untypischer Weise nicht auf zusätzliche Bravour, sondern im Gegenteil auf eine Reduktion all dessen, was der Entfaltung kantabler Linien hinderlich sein könnte.”5
1. Reger-Bezug
Im Jahr 1893 gab Alexander Siloti zwei Konzerte in Wiesbaden, jeweils begleitet vom Städtischen Cur-Orchester unter der Leitung von Louis Lüstner.1 Ob der Student Max Reger, der die Kurkonzerte regelmäßig besuchte, den gefeierten Pianisten bei dieser Gelegenheit persönlich kennenlernte, ist nicht bekannt. Drei Jahre später widmete er ihm seine Klavier-Bearbeitung von Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge D-dur BWV 532 (Bach-B1 Nr. 3), wohl in Hoffnung auf eine Aufführung durch den Interpreten, der selbst Bach-Bearbeitungen verfasste.
In der Winterspielzeit 1905/1906 erlebte St. Petersburg eine regelrechte “„Reger’sche“ Saison”2, deren Höhepunkt ein vom Verein für moderne Musik veranstalteter reiner Reger-Abend im Saal der Musikschule am Newskiprospekt war.3 Aufgrund des Interesses an Regers Musik in Russland lud Siloti, der künstlerischer Leiter einer eigenen Symphonie- und Kammermusikreihe war (Koncerty A. Ziloti), den Komponisten für das darauffolgende Jahr nach St. Petersburg und Moskau ein. Reger zeigte sich zu dieser Unternehmung “mit Vergnügen bereit” (Brief an Siloti vom 9. November 1905) und schlug dafür Programme vor.
Seine Konzertreise fand schließlich im Dezember 1906 statt. Während des Aufenthalts in St. Petersburg wohnte das Ehepaar Reger bei Siloti.4 Am 15. Dezember 1906 erklang die Serenade op. 95 mit dem Kaiserlichen Hoforchester unter der Leitung Regers, der zudem gemeinsam mit Siloti die Beethoven-Variationen op. 86 für zwei Klaviere spielte und – unter Silotis Dirigat – den Klavierpart im 5. Brandenburgischen Konzert von Johann Sebastian Bach übernahm. Zu den Besuchern des Konzerts zählte unter anderem der junge Sergei Prokofjew.5 Vier Tage später folgte ein Kammermusikabend, bei dem Reger den berühmten belgischen Geiger Eugène Ysaÿe bei der Suite im alten Stil op. 93 am Klavier begleitete und gemeinsam mit Siloti Introduktion und Passacaglia op. 96 für zwei Klaviere aufführte. Dazwischen lag ein Reger-Abend des Vereins für moderne Musik, an dem der Komponist eigentlich nicht selbst beteiligt war, als Zugabe auf Wunsch des Publikums aber zwei Stücke aus der Sammlung Aus meinem Tagebuch op. 82 darbot. Begeistert berichtete er seinen Verlegern Lauterbach & Kuhn: “der R–abend dauerte 3 Stunden; zum Schlusse mußte ich selbst noch 2 Stücke spielen; es war toll! Es ist hier schon eine sehr, sehr starke R–gemeinde! Die Leute klatschten wie besessen; ich zog schließlich, um den ewigen Hervorrufen ein Ende zu machen, auf dem Podium die Uhr! Die jungen Komponisten hier fangen schon an, R. zu kopieren! In nächster Zeit wird die Czarin Reger singen” (vgl. Postkarte vom 17. Dezember 1906).
Die projektierten Konzerte in Moskau fanden hingegen nicht statt, und auch zu einer Russland-Tournee, die Siloti bereits für das folgende Jahr eingeplant hatte, 6 kam es nicht. Auch ist kein weiterer Briefwechsel mit Siloti nach 1906 überliefert.
Der Musik Regers blieb dieser jedoch weiterhin verbunden. Im Februar 1913 leitete er in St. Petersburg eine Aufführung des Klavierkonzerts op. 114 und bestellte sich im selben Jahr auch das Aufführungsmaterial der Ballet-Suite op. 130 beim Verlag C.F. Peters. 7 Daher ist eine Aufführung des Werkes unter Leitung von Siloti anzunehmen.
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Alexander Siloti, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_pers_00255.html, version 4.1.0, 7th August 2026.
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