27th March 1902

Elsa Reger to Max Reger

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Date
27th March 1902 (dated)
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-
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DE,
Karlsruhe,
Max-Reger-Institut/Elsa-Reger-Stiftung,
Ep. Ms. 3034

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  • Max Reger

Incipit

Regesta
Remarks
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Reger-Studien 7. Festschrift für Susanne Popp, hrsg. von Siegfried Schmalzriedt u. Jürgen Schaarwächter, Stuttgart 2004 (= Schriftenreihe des Max-Reger-Instituts, Bd. XVII), S. 190–193

1.

Lieber, bester Freund
Also wirklich, mich hatte mein Gefühl in Bezug auf Sie wieder nicht getäuscht, denn die Karte haben Sie doch nur geschrieben, damit ich am heutigen Tag einen Gruß von Ihnen hatte, Sie wollten mir beweisen, daß Sie in Gedanken bei mir sind, denn sonst hätte es doch Zeit gehabt mit der Choral-Frage. 1 Es war ein so packender Tag für mich, u. ich will gleich zu Bett, trotzdem es erst 9 Uhr ist, da mir der Kopf so weh thut. Ich fühle ja all meine Fehler u. Unrecht so tief, u. darum ist der Abendmahlstag ein so schwerer für mich, ich möchte dann am liebsten gar nicht sprechen. Unser Geistlicher ein sehr kerniger Mann, u. mir darum als Geistlicher sympatisch, sprach sehr schön, u. so menschlich legt er alles aus. Ich bekomme seine heutige Predigt, die wird Ihnen später auch gefallen. Ich habe mich heute so maßlos einsam gefühlt, trotz meiner Lieben, Sie dürfen das nicht für undankbar halten, aber es ist solch eignes Gefühl zu wissen, ein Mann dem man äußerlich doch ziemlich fremd steht, der kennt mich so im Fühlen u. Empfinden, daß er immer eine Handlung findet, die meinem inneren Menschen wohl thut. Wie dankbar bin ich Ihnen, ich glaube Sie wissen gar nicht, daß ich für jede solche That grenzenlos dankbar bin, wenn ich auch nicht so viel darüber rede. Mir ist oft, als umgeben mich Ihre Gedanken wie etwas Greifbares. Ich freue mich so sehr auf Samstag, wenn Ihr Brief kommt. Es ist sonderbar ich habe nicht das Gefühl für Sie, wie ich es kenne, aber ich würde mich jetzt arm fühlen, kündigten Sie mir die Freundschaft. Mein Geist braucht Sie, u. Ihre Art thut meiner Seele wohl. Es ist etwas Neues das mich zu Ihnen zieht, etwas was kein Mann besessen, so wie mich keiner hat nehmen können. Was zwischen uns besteht ist ein geistiges Band, gewoben aus einem gemeinsamen Empfinden, den Einschlag bildet unser viel zu empfindsames, aber sich sehr ähnlich sehnendes Fühlen, u. es will mir scheinen es sei dies ein bleibenderer Untergrund, als das plötzliche Erwachen einer Liebe die doch nur auf Äußerlichem basiert, u. sei sie noch so uneigennützig, darum nicht so etwas versteckt Elementares hat. – Ist es Absicht, daß Sie mich immer mehr an sich fesseln, wissen Sie, daß Sie mich immer fester an sich ziehen? Ich wollte nicht, ich fürchtete mich so, vor Ihrem Geist, Ihrem Willen, Ihrer Trollhetta Natur, ich sträubte mich mächtig gegen Sie. Ich wollte Ihnen auch das geben, was Sie zum Glück gebrauchen, u. mein Herz träumte ein Wintermärchen u. hielt sich die lauschende Seele mit beiden Händen zu, wenn Sie in M. Ihre Melodien sangen, aber es half nichts. Und das weiß ich, wie Sie mich lieben, hat mich noch kein Mann geliebt. Ich fürchte mich nicht mehr vor Ihnen, seit ich weiß wie Sie mich verstehen, wie Sie mein Wesen empfinden. Ich bin ja so anspruchslos, nur gut sollen Sie mit mir sein, u. nie „krank“ sein, wenn Sie das halten, sollen Sie sehen wie ich mein Gelübte halte. Eine wilde Rose gedeiht nicht im Treibhaus, sie braucht nur Sonnenschein. Ich weiß mir hilft mein Sträuben nicht, Sie werden mich beherrschen, u. eines Tages über alle meine Bedenken siegen, denn Sie besitzen eine alles überwindende Liebe. Aber haben Sie Geduld, u. lassen Sie mich mich erst ganz finden. – Seien Sie nicht zu liebevoll zu mir. – Gute Nacht, u. haben Sie nochmals Dank, daß Sie wieder thaten, was ich von Ihnen dachte. Ach täuschte ich mich doch niemals in Ihnen, wie würde ich es Ihnen lohnen!
Ihre Elsa. Gründonnerstag Abend.

Mir ist als beginge ich an Ihnen u. Jenem ein gr. Unrecht u. an Ihnen ein Größeres, weil mich kein Mann so liebt wie Sie, aber Jenes Hülfe u. Stütze war ich, u. soll es sein. –

Charfreitag Abend. Da der Kutscher heute Abend nochmals in der Stadt war, erhielt ich Brief u. Noten schon heute, für die Noten die mich sehr freuen sagte Ihnen schon meine Osterkarte Dank. Keinen Wall mehr bitten Sie, u. ich wollte auch keinen mehr aufführen, u. nun steht er da, hoch hoch. Ich muß doch offen sein u. so sollen Sie das auch wissen. Von Jenem, dessen ich gern seine Frau geworden, hatte ich ¼ Jahr keine Zeile erhalten. Daß wir uns heiraten könnten, das hielten wir beide für kaum möglich schon als er noch hier war, er hatte mir offen gesagt er sei nicht reich, nicht mal auskömmliche Mittel habe er, aber dennoch wollte er mich sich erhalten. Ich muß zurückgreifen. Als wir uns ausgesprochen hatten, d.h. gemerkt, wir gefielen uns, reiste er 4 Monat nach M. wo er im Hause seiner früheren Braut (Wittwe) wohnte. Ab u. zu gab er mir Aufträge per Telephon, wissend, ich that das alles prompt. Mama war das nie recht, weil sie sagte, das dürfe er nur, wenn er mich heiraten wolle u. könne. Als er zurück kam, sprach ich ihn 2 x, dann kam jene Frau u. blieb 6 Monate auf seiner Besitzung, auf welcher sie allerdings auch eine gr. Hypothek hatte. Als sie fort war, um Hülfe zu erbitten, X wo, sprach ich ihn auf seine Bitte 2 Mal. Dann war er fort, u. sein Besitz wurde x. Als ich ihn davor sah, sagte ich ihm: „ich habe zwar wenig, doch sind Sie in Not, dann denken Sie an mich, die Ihnen gern hilft.“ Wochen, Wochen hörte ich nichts, dann war er in Not, u. ich half. Seither hörte ich ¼ Jahr keine Silbe. Als ich Mama sagen mußte, wegen meiner Papiere daß u. mit wie viel ich geholfen hatte, war sie ganz ganz außer sich. Nie giebt sie ihren Segen, wenn ich die Tollheit beginge ihn zu heiraten. Er sei nicht das an Charakter war [=was] er sein müßte etc, etc. Mama war sehr hart. Heute nun bekam ich eine Karte, kein Wort darauf, aber ich kenne seine Schrift. Mir war als legte sich seine Hand auf mich, als sein Eigenthum. Als ich mit mir in der Kirche gestern rang, hat er an mich gedacht. Ob das Laune war, ob Zuneigung? Ich weiß es nicht. Ich hab ihn vor mir u. Andern so viel verteidigt. Ich lasse mich nicht durch Andre beeinflussen, aber ¼ Jahr schweigen, wenn man vorher solche Hülfe annahm, das hat mich irre gemacht. Ich bin für ihn ja eine Fessel: Er kann nicht so arbeiten um 2 Menschen ernähren zu können, er kann sich auch nicht einschränken. Ein Leben voll Entbehrungen hält meine Natur aber nicht mehr aus, u. ich würde dem Mann eine rasende Last. Außerdem läßt ihn jene Frau nie, nie los. Was habe ich gelitten. Daß ich doch nicht zu ihm paßte wußte ich lange schon, weil er meine Seele nicht kennt, ja nicht ahnt, daß ich sowas habe, u. was sie leiden mußte. Er litt unter den pekuniären Verhältnissen, also konnt ich auch leiden. Er war als Knabe u. Jüngling sehr reich, da ist ein sich einschränken arg schwer, er kann es nicht. Wenn ich ruhig werden will, kommt plötzlich solch stumme Karte, es war schon einige Male so, die mir sagt: „ich lebe, u. Du sollst an mich denken.“ Sich klar machen, wozu das führen soll, thut er nicht. Ich war immer bereit seine Bestellungen etc. zu erfüllen, u. da denkt er ich bin blindlings ergeben. Das war ich auch. Ich wollte die Kunst begraben, nur arbeiten, aber von nichts leben? Nie etwas in Zukunft haben? Ich weiß nicht wie das ist, aber wenn er in Deutschland lebt, wird ihm alles was er einnimmt genommen für seine Gläubiger. Er war erst im Ausland nach dem Krach hier, nun dachte ich ihn über’s Meer, u. nun ist er im Ausland. Ich darf Niemand etwas sagen, erstens darf ja Niemand wissen wo er ist, was ich doch aus dem Stempel erfuhr, zweitens wäre Mama gebrochen, da sie hoffte es sei das nun zu Ende. Ich weiß, ich würde unglücklicher als ich je war, wenn ich ihn heirate, u. doch bebe ich nun wieder in dem Gedanken an Sie. Sehen Sie; ich sagte immer, seien Sie nicht zu sicher. Aber seien Sie ruhig, wenn ich Sie nicht heiraten kann, so heirate ich nicht, ohne Mamas Segen nie, dann werde ich halt für immer Diakonissin. Sehen Sie ein Jahr könnte ich mit Jenem leben, auf immer um Alles nicht. Gott verstehen Sie mich recht. Sein Außeres besticht mich, das ist mir in jeder Hinsicht sympatisch, er dauert mich so rasend, von reich auf arm, aber wie mein Wesen ist,etc. etc. das kann er nie verstehen, darum meine stete Angst vor dem immer. Ich stürbe vor Sehnsucht nach meiner Freiheit, u. dem was mir fehlt, u. ich müßte mich täglich verstellen um ihm nicht lästig zu sein. Fleißig, ruhig, gleichmäßig freundlich, ellegant. Das müßte ich stets sein, daß ich alles verstehen will, auch das wäre ja alles nicht möglich. Er ist nicht dumm u. oberflächlich o gar nicht, aber nicht ein Atom wie Sie. Unbewußt waren Sie mir ja schon lange ein Maaßstab. Wie oft dachte ich, als ich noch verheiratet war, wenn B. [=Franz von Bercken] doch auch musikalisch wäre etc. etc. Im Seelenleben stößt mich so viel ab, bei Allen. Jetzt empfinde ich es als große Schuld, daß ich nicht sofort sagte zu Ihnen, nein, nein, nein! – Können Sie es denn verstehen. Als ich Sie sah, wurde mir so bang, u. als Sie spielten hörte ich Ihr Weh, Ihre Liebe. Ich wollte Sie nicht sehen, mit Ihnen zusammen kommen, c’était plus fort que moi. Es kam halt doch so. Ich konnte nicht sagen, ich fürchte mich vor M. R. Sie sahen mich bei Ihnen zu Hause an, u. ich Sie, es lag wohl unbewußt die Freude im Blick Sie wieder Freund nennen zu können, Sie lasen mehr im Blick als ich hinein legen wollte. Ich will auch offen sein hierin. Der Gedanke kam mir wieder, daß es köstlich sein müßte, für mich, Ihre Frau zu sein. Abgesehen von Ihrer Märchenliebe zu mir, aber die Musik, u. daß ich weiß, Sie sind auch in andrer Hinsicht ein geistvoller Mensch, wissen Sie ja. An Ihrer Seite da lebt man doppelt, wenn man wie ich veranlagt ist. Ich könnte täglich an Sie schreiben u. nie ginge mir der Stoff aus. Ich möchte, brennend möchte ich die Ihre werden können. Nach diesem Bekenntniß verdammen Sie mich nicht, wenn unsre Wünsche nie in Erfüllung gehen. Den rasenden Schmerz, einen Andern zu heiraten thue ich Ihnen nicht an. Es hilft nun kein Leid, ich habe das selber so gewollt, es hat mir kein Anderes bereitet. So bald Sie meinen Weg kreuzen, kann ich mir eine Ehe, die mir vorher erwünscht schien, nicht mehr denken. O helfen Sie mir, lassen Sie mich Frieden finden, ich kann nie heiraten, aber fern von Ihnen werde ich auch nie friedvoll. Es zieht mich zu Ihnen so viel Mächtigeres als eine Neigung. Nun bin ich wieder da, wo ich seit so langen, langen Jahren bin, auf dem Dornenweg u. weiß nicht wie leben, jetzt möchte ich wieder schlafen, schlafen, nie mehr erwachen. Das ist mein Charfreitag. Armer Heiland, was für ein wirres, armes Kind bin ich Ihm, u. glaube noch so fest an Ihn, u. flehe er soll mir helfen. Warum den[n] legte Er mir diese Kunstsehnsucht in’s Herz, dies Lernen wollen, das Verstehen, das Sie empfinden. Warum läßt Er Ihre Musik in mir erklingen immer, immer? Alles kann nicht so sein, wie wir wollen, u. doch muß ich jede Frage Ihres lieben Briefes beantworten. – Ob ich Op. 54 erhalten? ja danke. Die Hochzeit ist am 17. Mai, Samstag, also ein Tag vor Pfingsten.2 Aber ich bitte Sie ich im Salonblatt, meine kleinen dummen Sachen, ich dichte nichts mehr, hab so viel Anderes zu thun, auch fällt mir nichts mehr ein, das war mal wieder Stückwerk. Genau wie meine Malerei. 2 Blumenstücke in Rom bewegten den Maler zu bitten, er wolle mich ausbilden. Ich male nimmer, keine Zeit, Sie sollten so gern die 2 Nachen später haben. Nun über [Franz] Evers. Ja Freund wie viel Künstler giebt es, die so vielseitig sind als Sie? Sie sind Gottbegnadet, das müssen Sie bedenken. Sie haben Aber Recht, er darf nicht immer w[i]e ich sein, so ist ja keines wahren Menschen Wesen. Ich habe nur einmal angestrichen, bei Morgenstern ist es nicht nötig, da ist ja alles schön von Ihnen gezeichnet. Ich lese das Buch viel u. aufmerksam. Nun erkläre ich mir Mazurka, eine verrückte Sinnesart, ungesund, verrenkt, wie mir das Überbrettl erscheint, ich kann mich nun mal für so was nicht erwärmen. Nun soll das wieder was Besonderes sein, daß ich Wilh. Raabe schätze. ich meine, wenn man seinen „Hungerpastor“ gelesen hat, muß man sich begeistern, namentlich wenn man doch auch hungert. Tovote will nur die X reitzen, darum wird man ganz wirr, wenn man ihn liest, ich befaße mich nicht mit ihm. Aber ich bitte Sie, was für Frauen kennen Sie denn dann, Neues, Gutes lesen, sehen, hören, das muß doch jedes denkende Weib entzücken, namentlich, wenn ihr Mann all diesen Drang auch hat. Ebers [Evers?], Dahn, Freitag [recte Freytag], Ra[a]be, Jordan, das sind doch Männer bei denen man denken muß, u. nur dabei lernt doch der Geist, ich finde das ist so selbstverständlich. Und grade weil ich Sie so genau kenne, Sie immer mehr kennen lerne mit jedem Brief, darum kann ich keinen Andern mehr heiraten. Ich weiß Sie wären die Zartheit in Person. Ich fühle, daß Sie meine Art empfinden, weil Sie ihr gradezu nachspüren, u. darum nie gegen mich wären, wie es mir nicht gefiele. Ich hätte lieber eine Aufwärterin gehabt, hätten es ja doch erst probieren können, ob ich es aushielte, das greift nicht an, wenn man nicht die grobe Arbeit zu thun hat, u. arbeiten muß ich ja doch auch. Richtig, so sind die Ehen, u. die meisten sind damit zufrieden, sie sind wohler daran. – Mir ist nichts greulicher, als sich gehen lassen. Ich komme so am Morgen aus der Schlafstube, daß ich als richtig jeden Besuch annehmen kann, ich kleide mich nie legère, gehe nie in Pantoffeln etc, das kann ich einfach nicht. Grade vor dem eigenen Mann soll man immer sehr peniebel sein, nie ihn abstoßen, sein Schönheitsideal verletzen, man soll sich zu gefallen suchen, das ist meine Ansicht. In Ausdrücken u. Manieren sich gehen lassen, stößt auf die Dauer ab. Eine Frau soll wie aus dem Ei gepellt sein. Ich könnte nicht schlafen ohne mich völlig kalt abzureiben, Katzenwäsche muß dem Mann unsympatisch sein. – Sie wissen, bewahre, Sie haben keine Ahnung was ich aus Ihnen machte, wie ich zu Ihnen wäre. Ich habe diese letzte Nacht so schön geträumt, ich war M. R.’s Frau, war in M. ging spazieren, aber ohne M. R, u. doch nicht allein, u. war so stolz, so selig, im langen Tragkleidchen trug es ein Mädchen, u. solch rosig winzig Gesichtchen war es, ein schöner Traum, aber ewig ein Traum, ich weiß das. – Zahm ist mein Trollhetta nicht, er kann sich nur bezähmen. Ich weiß es, u. Sie wissen es ja auch was geschieht, könnte ich je ja sagen, das schrieb ich Ihnen drum auch nicht, ich fühl’s aber. Ich will denn auch ganz still mich ducken wie ein Vögelchen, das nach langer Reise durch fremde Lande seine Heimat gefunden, u. bricht dann der Strom bei Ihnen hervor nicht böse sein, wenn ich halb tod – – – Wie froh u. stolz wäre ich, dürfte ich als Eigenthum ansehen, was Sie in rastlosem Fleiß sich erwerben. Gott gebe alles zum Rechten, Sie sollen doch so groß als Künstler werden, als es in Ihnen noch ruht, einestheils macht es mich unbändig stolz, daß ich Ihr Genius sein soll, anderseits bangt mir, wenn ich nie die Ihre werden kann. Es ist ja gut, ich trage nie mehr große Toilette, ich weiß Sie verzweifelten dabei, u. das leid ich doch nicht, ich sollte Ihnen das thun? Und öffentlich singen will ich auch nie erbitten. Ach jetzt habe ich keine Sonnenaugen, ein Gutes, Thränen sieht man ihnen nie an, u. wie gern hätt’ ich für Sie Sonnenaugen. Wie furchtbar leid mir das aber ist, ich war fest im Glauben am 19. April sei Ihr Geburtstag, sonst hätten Sie doch einen Brief von mir gehabt, ist das gut mir das nicht vorher zu sagen? Das soll gut sein? – Könnte ich ja sagen, so wäre es am 19. März, daß ich die Ihre würde. Hochzeitsreise? Gewiß nicht. So wie Sie schreiben wäre mir die Verbindung auch am Liebsten, aber es wird nie so kommen. Aber verlassen Sie mich nicht, bleiben Sie mein Freund, ohne Ihre Freundschaft kann ich nicht mehr glücklich sein. Ich will Sie glücklich machen, Ihr Leben hüten, so gut, so gut! – Das melancholische Orchesterwerk, nun wissen Sie auch meine Melodie, „sehnsuchtsvoll, traurig, nach dem Rech[t]en ringen.“ Ja wenn ich zum Wohnung ansehen etc. je kommen könnte! – Ich singe ja auch so rasend gern mit Ihnen, weil eben Sie nicht begleiten, sondern die Töne unter Ihren Händen singen. Ja ich wachte Donnerstag um 5 ½ auf, u. habe am Morgen an Sie gedacht, u. zwar, daß Sie noch fest, fest schliefen, u. ich aufwachen mußte, weil keine Ruh mehr im Hause war, u. dann sponn ich Träume, – davon sind Sie also erwacht! – Ich bitte aber gern Wunsch gegen seinen – Mann äußern, ich meine bitten sei etwas Lieberes!? Danke für die Wahrheit, natürlich ist’s vergeben, Frl. B. sprach natürlich von einem Brief nur. Aber bitte aus all dem kann Ihre Mama doch nicht schließen, daß ich Sie heiraten will, ach lieber Gott, u. vor Loritz sind wir auch nicht mehr unbefangen. Bitte sprecht nicht davon, es ist ja so unsicher! – Die Neuesten Nachrichten hab ich nicht gelesen, der dumme Mensch, Sie hält der nicht auf, auf Ihren herrlichen Wegen, seien Sie darin so stolz als bisher. Das ist doch denn Mannes Recht, daß er seine Frau am Arm führt, ich ließ es mir als Mann nie nehmen! – Über die 14 Tage Ferien würde ich mich doch am meisten freuen. Ich habe Ihren Brief heute „abgefangen“, darum seien Sie nicht böse wenn ich schon morgen diesen Brief sende, bitte antworten Sie mir umgehend, da dieser Brief unbemerkt in meine Hände kam, fällt der nächste nicht auf. Die Karten an Mama u Berthel haben Freude gemacht. Ich bin so traurig in diesem großen Zwiespalt, helfen Sie mir! –
Verstehen u. beurteilen Sie mich richtig u. bleiben Sie Freund
Ihrer einsamen Elsa.

Warum Hochwohlgeboren? das ich von Ihnen nicht mag! –

Stiller Samstag. Morgen.

Guten Morgen, lieber Freund.
Nach einer schlechten Nacht nun mit Kopfweh behaftet geht es wieder an die Arbeit. Ein paar Worte aber muß ich noch sagen. Verdammen Sie mich nicht, ich habe Sie nicht betrogen. Ich schrieb Ihnen: „wenn ich mit dem Vergangenen fertig werden kann, dann will ich ja sagen.“ Daß ich für Sie in der Ehe die rechte Liebe gefunden hätte weiß ich, das aber kann nur dann geschehen, wenn man Hochachtung vor dem Geist eines Mannes hat, u. weiß, daß man sich völlig verstehen wird, also könnte es mir nur bei Ihnen geschehen. Es war also kein Betrug, wenn ich ohne Verliebtheit zu spüren mich auf das weiche Gefühl, welches ich für Sie hege, auf die grenzenlose Bewunderung des Künstlers in Ihnen u. die Wertschätzung Ihres Wissens stützte, u. sagte ja ich möchte die Ihre werden. Aber erst frei sein des Vergangenen physisch u. moralisch. Das erstere bin ich ja streng genommen, denn ich war nie verlobt, das zweite möchte ich mich zu werden. Ich dachte sein wie eines lieben Toten, von dem man nur Gutes in sich behält, u. darauf braucht man nicht eifersüchtig zu sein, das brauchen Sie nie sein, denn was ich Ihnen gebe, u. als Frau geben könnte, kann ich nie einem Andern geben, weil dies Innenleben keiner kennt u. – keiner begehrt. – Nun aber fühle ich mich wieder an das Vergangene gebunden. Dadurch, daß ich ihm meine Hülfe versprach u. dann gab, gab ich ihm ein gewisses Recht an mich, u. gern hab ich ihn ja doch, u. in seiner Art er mich ja auch. Die gleichbleibende Art, nie Vorwürfe machend, ratend u. helfend, ruhig u. gefällig ist ja das, was ihm an mir gefällt, deshalb glaubte er ich passe zu ihm. Und wäre er reich, gäbe es wohl kaum ein sportfähigeres, elleganteres Paar, als er u. ich. Aber daran u. dem freundlichen aber lieber forderndern als gebenden Liebkosen seines ganzen Wesens müßte ich mich begnügen. Nie würde er sagen, „ich habe Sie lieb.“ Das müßte ich wissen, mit so was kann man sich nicht so quasi aufhalten. Das soll selbstverständlich sein. Wenn es ihm nicht paßt sucht er keine Gelegenheit mir zu zeigen er fühlt etwas für mich, aber von mir verlangt er, ich solle stets da sein wenn er Bitte od. Frage an mich richten will. Im Sommer, als jene Frau 6 Monate im Land hier war, hörte u. sah ich nie was von ihm, ich wurde stiller in mir, da plötzlich solche stumme Mahnkarte vom Gipfel eines Berges. Ich lebe, denke an mich, so kommt es mir vor. Jetzt 6 Monate kein Lebenszeichen, gestern wieder diese stumme Karte. Seine Art ist rasend befehlerisch, u. er weiß ich habe mich ihr gebeugt. Aber ich kann das nicht auf die Dauer aushalten, u. ich fühle er läßt mich nicht los, trotzdem er mich wegen jener Frau gar nicht fesseln, selbst nicht moralisch fesseln dürfte. Jene kann er nicht „zum Teufel“ jagen, u. mich hält er. Und könnte ich ihm das sagen, würde er denken, weil er arm ist, sagte ich jetzt so. Können Sie das Kaos in mir verstehen? Liebt er mich, hält er sich an mich in seiner Not? Mein Kopf sagt nein, aber ob er Recht hat? Es giebt so verschiedene Männer. Aber wenn man ein Wesen an sich fesselt, immer von Neuem, ist es dann nicht Pflicht zu sagen, wo man weilt, was man treibt? O wie ich dies Dunkel hasse; diese Unklarheit! – Ich werde mit ein paar Redensarten abgethan, etwas Gewisses erfahr ich nicht, u. darum kann ich doch kein Vertrauen haben, u. ohne Vertrauen, o weh! Sie sehen so ist mein Leben, verpfuscht, verfehlt, so war es, ist es, wird es sein. Bleiben Sie mein Freund! Ich bin sehr bekümmert, u. sehe ein, mein Lenz kehrt nicht wieder, u. möchte sterben, als den kalten, einsamen Winter erleben.
Ihre arme, beste wohl einzige Freundin.


1
Siehe Befiehl dem Herrn deine Wege! (Trauungslied) WoO VII/34.
2
Ebda.
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Elsa Reger to Max Reger, 27th March 1902, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_postObj_01005441.html, last check: 13th July 2024.

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