Sondershausen, 11th April 1890

Max Reger to Adalbert Lindner

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Letter
Date
11th April 1890 (source)
Sent location
Sondershausen
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Senders
  • Max Reger
Recipients

Incipit
Hochverehrtester Herr Lehrer!
Nun sind wir dahier. Als ich am Bahnhofe ausstieg, stand Herr Dr. Riemann […]

Regesta
berichtet über Ankunft in Sondershausen und Fürsorge Riemanns, in dessen Haus er Mittag isst • internationale Schülerschaft (u.a. aus Russland, Holland und Mexiko [Waack, Gerrit Kreling, Hans Schmid[-Kayser]) • berichtet über den Korrekturprozess von Riemanns Phrasierungsausgabe von Bachs Wohltemperiertem Klavier • berichtet von den Reaktionen seiner Kommilitonen auf seine Kompositionen [WoO III/1] • referiert Riemanns Positionen zu zeitgenössischen Komponisten (Jadassohn, Reinecke) • erhält kostenfrei privaten Klavierunterricht von Riemann und ist in seiner täglich stattfindenden Kontrapunktklasse • Riemann scheint mit Brahms enger bekannt zu sein
Remarks
Referenced works
  • Sechs Präludien und Fugen WoO III/1

Publications

Der junge Reger. Briefe und Dokumente vor 1900, hrsg. von Susanne Popp, Wiesbaden 2000 (= Schriftenreihe des Max-Reger-Instituts, Bd. XV), S. 62–65

Der neue Tag (Weiden), 18. März 1993

Der neue Tag (Weiden), 16./17. März 1991

Wilfried Jung, Der Künstlerbrief als Informationsquelle – am Beispiel Max Reger, Nürnberg 1970, S. 12

Adalbert Lindner, Max Reger. Ein Bild seines Jugendlebens und künstlerischen Werdens, Stuttgart 1922, S. 62-64

Max Reger, Briefe eines deutschen Meisters. Ein Lebensbild, hrsg. von Else von Hase-Koehler, Leipzig 1928, S. 17-18

1.

Sondershausen, den 11. April 1890.

Hochgeehrtester Herr Lehrer!

Nun sind wir dahier. Als ich am Bahnhofe ausstieg, stand Herr Dr. Riemann u sein Kleinster (Hansel) da u. erwarteten mich. Hr Dr. kam eigentlich schon zum 2. male auf den Bahnhof um mich abzuholen. Dann gingen wir in seine Wohnung, wo ich erst essen mußte u dann führte er mich in meine Wohnung, die er mir besorgt hatte. Jetzt passen’s auf. Also ich habe die Wohnung sozusagen als Zimmerherr gemietet, müßte also Mittags im Hotel speisen; allein das gibt es nicht. Ich muß sozuschreiben?! bei Herrn Doktor mittags essen. Herr Doktor ist gegen mich die Freundlichkeit selbst. Alle andern holte er nicht ab; alle andern müssen im Hotel essen.

Wir haben ein ganz internationales Phrasierungsbureau hier. Einer (Waag, der schon Concertmeister war, ist aus Rußland, ein anderer (Grenling) aus Utrecht Holland;1 der dritte ist gar in Mexiko geboren!2 Herr Lehrer haben neulich die Analyse des wohltemperierten Klaviers angekündigt gesehen. Ich fragte Herrn Dr.: Das Werk ist bis Dienstag erst bis zur Fismoll- [Einschub: I. Teil] fuge gediehen; dagegen zeigte er mir Donnerstag schon die Adurfuge I. Teil. Einstweilen in Korrekturbogen gedruckt sind C dur Präl, C dur Fuge, Cis dur Präl & Fuge, D dur Präl. & Fuge, Es dur Fuge & Präludium u die entsprechenden Molltonarten. Ich habe es schon, soweit es gedruckt ist, nämlich bis zur Esmoll Fuge (mit) [Einschub: I Teil]) Das Werk scheint ein riesiges zu werden, da es jetzt schon 64 Seiten gedruckt sind. Ferner gab er mir seinen Katechismus der Harmonielehre – überhaupt steht mir sozusagen seine literarische als musikalische Bibliothek zur Verfügung. Das ist nett. Der eine Hamburger kann nicht begreifen, wie mir solche Motive einfallen können (Fuga bizzaro, F moll Fuge oder die andern Sachen; er sagt er könnte solche Motive nur in der größten Wut erfinden) Herrn Dr. gefallen die Fugen & Präludiums sehr. Er sagt, sie seien sehr schön. Die letzte so eine Art op 106.3 Er will die letzte genau ansehen. Einem Hamburger, dem ich den famosen Orgelpunkt

Sie kennen ihn ja
vorspielte, konnte [Einschub: »u kann«] nicht begreifen wie einem, sowas einfallen kann.

Riemann ist gegen manchen heutigen Komponisten, die doch etwas gelten, scharf. ([Salomon] Jadassohn, [Carl] Reinecke)

Von Reinecke „Von der Wiege bis zum Grabe“ sagte er: „Ich bin froh, daß ich es nicht gehört habe!“ Er sagt, die Verleger treiben damit fürchterlich Reklame.

Daß ich wohltemperiertes Klavier spielen möchte, freut ihn, u. wird er dasselbe, nächste Woche, mit mir beginnen. Sie glauben gar nicht, wie Herr Dr. sich annimmt. So z.B. ich belege nicht Soloklavier, u. doch habe ich auf Herrn Dr. spezielles Verlangen Klavierstunde (2 wöchentlich) bei Herrn Dr bekommen, als wenn ich Soloklavier wirklich belegt hätte.

In der Theorie komme ich sogleich in die Kontrapunktklasse. O, es ist hier sehr schön! Bei Riemann jeden Tag mindestens eine Stunde zu sein, oder gar Spaziergänge mit ihm zu machen. Ich freue mich nur, wenn der Unterricht beginnt. Seine Frau Gemahlin hat mir versprochen, mir den ganzen Brahms vorzusingen. Das wird ein Hochgenuß werden. (Mit Brahms scheint er sehr intim zu sein, da er mir eine Photographie zeigte, die er ihm selbst übersandte! […]


1
Vermutlich Gerrit Kreling.
2
Hans Schmid-Kayser (1874–1964).
3
Gemeint ist die Klaviersonate B-Dur op. 106 von Ludwig van Beethoven.
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Max Reger to Adalbert Lindner, Sondershausen, 11th April 1890, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_postObj_01007883.html, version 4.0, 18th December 2025.

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