Wiesbaden, 8th March 1894

Max Reger to Adalbert Lindner

Object type
Letter
Date
8th March 1894 (source)
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Wiesbaden
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Senders
  • Max Reger
Recipients

Incipit
Lieber Freund!
 Entschuldige, wenn ich erst jetzt Deinen Brief beantworte. Ich war u. bin nicht […]

Regesta
ist nicht beleidigt wegen kritischer Bemerkungen zu den Walzern [op. 11], »die ohne jede künstlerische Anteilna[h]me lediglich als Geschenk (wie auch die „losen Blätter“ [op. 13])« zum Konzert in Berlin zu verstehen sind • berichtet, dass er in Wiesbaden durch die Musikerkreise angefeindet wird • hinter sich weiß er u.a. Riemann, Reimann, Carl Fuchs und Otto Leßmann • erwähnt die »Feindschaft zwischen Leßmann, Reimann gegen Riemann«, die ihn aber überhaupt nicht berühre • berichtet weiter vom Berliner Konzert, hat dort u. a. Eugen d’Albert getroffen • berichtet, dass seine Glosse über den Theaterzettel der Wiesbadener Königlicher Schauspiele [in der Allgemeinen Musik-Zeitung] unter dem Kürzel »L. F.« erschienen sei • widerspricht Riemanns Annahme, Reger habe sich mit Leßmann »zu sehr liiert u. senile Lehre nicht mehr so ganz teilte« – er halte Riemann »für den einzigen Lehrer in jeder Beziehung« • irgendwann wird sich seine Musik durchsetzen, aber das wird er nicht mehr erleben • hat sich zurückgezogen, ist düster und verbissen geworden, leidet unter Schlaflosigkeit • »wer weiß daß z.B. op 11 in zwei Nächten geschrieben ist«, wird seine Erschöpfung begreifen
Remarks
Referenced works
  • Lose Blätter op. 13
  • Sieben Walzer op. 11

Publications

Der junge Reger. Briefe und Dokumente vor 1900, hrsg. von Susanne Popp, Wiesbaden 2000 (= Schriftenreihe des Max-Reger-Instituts, Bd. XV), S. 179–181

Der neue Tag (Weiden), 16./17. März 1991

Programmheft zum 10. Deutschen Regerfest in Freiburg i. Br., S. 13f.

Wilfried Jung, Der Künstlerbrief als Informationsquelle – am Beispiel Max Reger, Nürnberg 1970, S. 125

Wiener Philharmoniker, VIII. Abonnement-Konzert. Max-Reger-Heft, (1941), S. 4f.

Max Reger, Briefe eines deutschen Meisters. Ein Lebensbild, hrsg. von Else von Hase-Koehler, Leipzig 1928, S. 37–38

Adalbert Lindner, Max Reger. Ein Bild seines Jugendlebens und künstlerischen Werdens, Stuttgart 1922, S. 94–95, 281

1.

W. d. 8. März 1894

Lieber Freund!
Entschuldige, wenn ich erst jetzt Deinen Brief beantworte. Ich war u. bin nicht im geringsten beleidigt wegen Deines Urteils über die Walzer [op. 11], die ohne jede künstlerische Anteilna[h]me lediglich als Geschenk (wie auch die „losen Blätter“ [op. 13]) von mir an Augener für die beigesteuerten 200 M zum Konzerte zu betrachten sind. Das Concert ist ja vorbei – der Wellenschlag hat sich beruhigt u. ich kann nur sagen, daß ich wirklich recht zufrieden bin. Natürlich hier, wo man mich haßt u. verdammt, mir jedmöglichen Stein des Hindernisses in den Weg legt, wofür ich mich aber durch schärfste Kritik räche, hier hat man allgemein gehofft, daß es ein Reinfall wird. Leute wie N. v. Wilm etc schauen mich überhaupt gar nicht mehr an. Das alles hindert mich gar nicht. Brückner, dem ich doch meine Cellosonate [op. 5] widmete, bezeichnete in Gemeinschaft mit Fuchs mein Concert als ein verunglücktes Experiment. Das macht alles nichts; ich bin nun jetzt auf den einzig richtigen Weg gekommen u. beharre auf meinem Standpunkt. Und der Standpunkt ist folgender: Ich bekümmere grundsätzlich überhaupt um gar nichts mehr; es ist mir vollkommen egal, was man von mir sagt u. habe allen Verkehr abgebrochen. Ich habe den mir hingeworfenen Fehdehandschuh aufgenommen. Nun frägt es sich, wer der Stärkere ist. Ich habe Leute wie Riemann, Reimann, Dr Fuchs, Leßmann etc hinter mir. Auch Riemann scheint sich betreff meines Verhältnisses zu Leßmann u. Reimann einer argen Täuschung hinzugeben. Er hat, wie seine Frau mir sagte, deshalb nicht auf den Angriff von Chrysander geantwortet, weil er meinte mir dadurch Leßmann etc abwendig zu machen. Das ist nun ein großer Irrtum von ihm. Denn 1. ist Leßmann wie er mir selbst sagte u. schrieb, sehr erfreut, daß ich dem Kreise der Mitarbeiter seiner Zeitung beigetreten, 2. liegt die Feindschaft zwischen Leßmann, Reimann gegen Riemann auf einem Gebiet, das unser Verhältnis nicht im geringsten berührt. Es ist ja nicht zu leugnen, daß Riemann manchmal zuviel schreibt d.h. z.B. „die Orgel ist ein Blasinstrument.“ Dafür wird er nächstens von meinem guten mir – nach seinem eigenen Ausdrucke – ergebensten Freunde Reimann gehörig in der Leßmann’schen Zeitung behandelt werden. Wer das Berliner Konzertleben so kennt wie ich, wer weiß daß die Kritiker über ein Komponistenkonzert (zumal in meinem Alter) heillos drüber herfallen, der kann mir nicht anders als bezeugen, daß ich mich wirklich gut aus der Affaire gezogen habe. Wer überhaupt die Schwierigkeiten, Hemmnisse meines Berufes kennt, der wird mir beistimmen. Dr Fuchs – mein lieber alter guter Freund, schrieb mir, ehe ich nach Berlin ging: Gehen Sie ganz ruhig nach Berlin; für einen Schwachkopf kann Sie niemand erklären! Und das eine ist sicher, daß mit gespanntestem Interesse sämmtliche Anwesende dem Konzerte beiwohnten. Nach dem Concerte kam die Gesellschaft, Leßmann, Reimann, Seiffert, Weingartner, Sacks, Alb. Heintz, Steuer u. holte mich aus dem Kreise der Mitwirkenden – so daß ich selbe stehen lassen mußte – u. gratulierten mir zu meiner kolossalen Beanlagung u. Können.
Wir haben einen sehr anregenden Abend verlebt; im Kreise solcher frei u. hoch denkender Künstler gewißermaßen den Abend als Mittelpunkt zu sein, berührte mich sehr wohlthuend. Die Leute sind jetzt daran mir in Berlin eine Stellung zu schaffen. E. d’Albert ist die Liebenswürdigkeit selbst. Und so bin ich allmählich auf diesen meinen vorerwähnten Standpunkt gekommen. Es ist z.B. die Notiz im Briefkasten der Leßmann’schen Zeitung (in derselben No in der die Kritik über mein Konzert erschien) also L. F in Wiesbaden betreff des Theaterzettels – von mir. L. F = Lieber Freund. Kein Mensch hier hatte den Mut, dem Treiben des hiesigen Intendanten am Hoftheater (v. Hülsen, Sohn des früheren Berliners) mal einen Denkzettel zu geben. Hülsen weiß ganz genau, wer das war. Er sagte, es ist einer von den Kritikern der Zeitung, der hier in Wiesb. lebt; ich kenne den Mann ganz genau.
Es ist mir vollkommen gleichgültig. Denn künstlerisch schaden, können mir die Leute nicht im geringsten – ich aber ihnen, denn die Macht dazu hab ich in der Hand, indem mir die Leßmann’sche Zeitung jederzeit zur Verfügung steht. Also „Will der Herr Graf ein Tänzchen wagen“ – so soll er’s; aber er soll auch sehen, wie er aus meiner galligen Feder davon kommt! Riemann scheint in neuerer Zeit des Glaubens zu sein, daß ich mit Leßmann mich zu sehr liiert habe u. seine Lehre nicht mehr so ganz teilte. Das ist nun wieder ein Irrtum, denn ich halte Riemann für den einzigen Lehrer in jeder Beziehung. Von mir aus ist keine Gelegenheit geboten worden, daß er so glaubt. Allein daß Leßmann das Choralvorspiel [WoO IV/2] veröffentlichte, das schien ihn auf den Gedanken gebracht zu haben. Es ist ja wahr; von Leßmann war das alles erdenkliche, daß er das that, da die Zeitung seit ihres Bestehens noch nie that, aber man muß Leßmann eben kennen. Ich denke eben immer, daß sich meine Sachen doch einstmals durchfressen werden! Ich erlebe es ja nicht mehr. Macht nichts! Ich habe mit allen Freuden u. Genüssen des Lebens vollkommen abgeschlossen, bin so düster u. verbittert geworden. Ich bin so schwer zu behandeln, daß hier allgemein die Redensart gilt: Mit Reger kann kein Mensch verkehren. Ich weiß auch, daß ich nicht lange mehr lebe. Denn das Gefühl der Schwäche, der körperlichen Schwäche ist zu stark. Möge ein Anderer vollenden was ich begonnen. Hoffentlich halte ich es solange aus daß ich nicht wahnsinnig werde; denn wer die Schmerzen kennt, unter denen ich meine Kinder gebäre, wer diese durchwachten Nächte kennt; wer weiß daß z.B. op 11 in zwei Nächten geschrieben ist, der wird die totale Zerschlagenheit begreifen. Ja, aufrichtig gestanden, Du kannst in W. oft einen Gast treffen, der um 3 Uhr morgens in der einsamsten Ecke im Ratskeller allein sitzt u. vor sich hinbrütet. Warum? Ich kann nicht schlafen! Es ist unmöglich. Es ist schauderhaft. Aber ich verliere den Mut nicht. Weiter u. Weiter ist meine Devise mit der auch schließt

Dein
Max

Bitte grüße Deine Frau u. Kinder.

Object reference

Max Reger to Adalbert Lindner, Wiesbaden, 8th March 1894, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_postObj_01007901.html, version 4.0, 18th December 2025.

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