Heinrich Ordenstein

Dedicatee

Gender
male
Profession
professor
Birth
7th January 1856
Death
22nd March 1921
MRI-Identifier
mri_pers_00199

Name
Heinrich Ordenstein
Used Name
Heinrich Ordenstein

References to Reger
    Dedicatee
References to others

1.

1.1.

Heinrich Ordenstein (undatiert), in Eugène d’Harcourt, , Paris 1908 (= Mission du Gouvernement français, Bd. II), S. [13].
Heinrich Ordenstein (undatiert), in Eugène d’Harcourt, La musique actuelle en Allemagne et Autriche-Hongrie. Conservatoires, Concerts, Théatres, Paris 1908 (= Mission du Gouvernement français, Bd. II), S. [13].

Heinrich Ordenstein1, geboren am 7. Januar 1856 in Offstein in Rheinhessen, entstammte einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie, die seit zwei Generationen im Fruchthandel tätig war. Sein Vater betrieb überdies Handel mit Mehl und Getreide. Nachdem die Familie 1861 nach Worms umgezogen war, trat Ordenstein im Alter von 12 Jahren in die dortige Casino- und Musikgesellschaft ein. Diese wurde von Eduard Steinwarz (1833–1915) geleitet, der auch sein Klavierlehrer war. Ordenstein wirkte im Knabenchor bei Oratorienaufführungen von Bach bis Mendelssohn mit und war bereits mit 15 Jahren ein “podiumserfahrener Solist”.2 Prägend für seine musikalische Entwicklung war die Begegnung mit dem Mannheimer Hofkapellmeister Vinzenz Lachner, dessen Aufführung von Mendelssohns Paulus zur Einweihung des Lutherdenkmals in Worms er im Juni 1868 als Chorist erleben durfte.3 1871 brach er seine gymnasiale Schulausbildung in Worms ab und schrieb sich 14-jährig am Leipziger Konservatorium ein, wo er bei unter anderem bei Carl Reinecke (Klavier) und Salomon Jadassohn (Musiktheorie) studierte. Er besuchte auch philosophische Vorlesungen an der Universität und lernte den Musikwissenschaftler Hugo Riemann kennen, der dem “lebenslänglichen Freund”4 1888 sein Lehrbuch des einfachen, doppelten und imitierenden Kontrapunkts widmen sollte.

1875 verließ Ordenstein das Leipziger Konservatorium mit einem Diplom mit Auszeichnung und unternahm in den folgenden zwei Jahren Konzertreisen als Klavierbegleiter des Geigers Emile Sauret, des Violoncellisten Leopold Grützmacher und von Minna Peschka-Leutner, Sopranistin am Leipziger Stadttheater. Hierauf ließ er sich zwei Jahre in Paris nieder, spielte u.a. Kammermusik im Haus von Henri Vieuxtemps, machte die Bekanntschaft von Camille Saint-Saëns und erhielt “durch eine langjährige Schülerin Chopins die wertvollste Einführung in die Werke Chopins und die Vortragsweise des Komponisten […], der seitdem für ihn zu den bevorzugten Meistern gehörte.”5 Im Jahr 1878 unternahm Ordenstein eine Deutschland-Tournee, in der er auch als Solo-Pianist auftrat und zu deren Beginn er erfolgreich mit dem Klavierkonzert d-Moll op. 70 von Anton Rubinstein im Leipziger Gewandhaus debütierte.6 Im Anschluss daran begann seine lange Karriere als Klavierpädagoge und Hochschullehrer: 1879–1881 unterrichtete er erstmals in Karlsruhe am Mädchenpensionat der Gräfin Lilla Rehbinder (später: Großherzogliches Victoria-Pensionat), hierauf sechs Monate an der neu gegründeten Gesangsschule von Julius Stockhausen in Frankfurt/Main. Bis 1883 schließlich war er als Dozent für die pianistischen Oberklassen an der seit 1855 bestehenden Neuen Akademie der Tonkunst in Berlin von Theodor Kullak angestellt, an der auch schon Nikolaj Rubinstein, Moritz Moszkowski und Xaver Scharwenka ausgebildet worden waren. Kullak “vollendete Ordensteins feindurchdachte Methodik des Klavierunterrichts”7 und plante, diesen zu seinem Stellvertreter zu machen. Als er im März 1882 starb, wurde die Schule jedoch von seinem Sohn Franz weitergeführt. In Berlin knüpfte Ordenstein Freundschaften zu Joseph Joachim und Hans von Bülow und war wie diese ein “glühender Verehrer” von Johannes Brahms.8

Ordenstein gelangte erneut nach Karlsruhe und gründete dort im September 1884 das Conservatorium für Musik. Das Institut wurde auf einem im Familienbesitz befindlichen Grundstück eingerichtet, stand von Beginn an unter dem Protektorat der Großherzogin Luise von Baden (schon bald firmierte es unter dem Namen Großherzogliches Conservatorium) und erhielt 1893 einen Neubau. Ordenstein leitete das Conservatorium bis zu seinem Tod 1921 ununterbrochen 36 Jahre lang und formte es zu einer international gefragten Ausbildungsstätte, die in Spitzenzeiten mehr als 1000 Schülerinnen und Schüler aus ca. 20 Ländern besuchten. Neben der interpretatorischen und musikalischen Ausbildung gab es auch ein Programm für musikalische Laien (Hospitanten), die breite musikhistorische und musikpraktische Kenntnisse erwerben konnten. Ordenstein berief zahlreiche renommierte Dozenten, darunter seinen ehemaligen Lehrer Steinwarz (1884–1902), Vinzenz Lachner (1884–1893), Arthur Smolian (1890–1898) und den Komponisten Stephan Krehl (1889–1902). Selbst unterrichtete er nach einer Methode, die auf der Lehre Kullaks basierte.9 1910 vereinigte er das Conservatorium mit der aus dem Cäcilienverein hervorgegangenen Musikbildungsanstalt und vermachte der Stadt Karlsruhe gegen Gewährung einer Rente das Conservatoriums-Grundstück samt Inventar.10 Ab 1902 hielt er regelmäßige musikwissenschaftliche Vorlesungen am Institut; 1915 veröffentlichte er eine Musikgeschichte der Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe bis zum Jahre 1914.

In den 1890er Jahren verfolgte Ordenstein seine Karriere als reisender Solopianist zunächst weiter. So spielte er im Februar 1894 in München mit großem Erfolg Chopins Zweites Klavierkonzert f-Moll op. 21 mit dem Münchner Kaim-Orchester11 und genoss den Ruf “als einer unserer ersten Chopin-Spieler”.12 Um die Jahrhundertwende verlegte er sich vornehmlich auf die Kammermusik und war als Lied- und Klavierbegleiter sowie auch Konzertveranstalter im Musikleben Karlsruhes sehr präsent. So trat er etwa 1900 und 1901 mit dem Meininger Streichquartett auf und organisierte 1914 einen großen Beethoven-Zyklus mit verschiedenen Ensembles, in denen er die Klavierpartien übernahm.

Für sein Wirken wurde Ordenstein unter anderem mit dem Hofrats-Titel und dem Großherzoglichen Orden geehrt. Überdies war er Mitglied der staatlichen musikalischen Sachverständigen-Kommission für Baden, Württemberg und Hessen. Er erlag am 22. März 1921 in Karlsruhe einem Herzinfarkt.


1
Zur Biographie Ordensteins siehe insbesondere Claus Canisius, »Heinrich Ordenstein biographischer Versuch über einen vergessenen Künstler«, in 100 Jahre Badisches Konservatorium Karlsruhe, Festschrift zur Erinnerung an die Gründung am 15. September 1884, zusammengestellt und redigiert von Claus Canisius, Karlsruhe 1984, S. 19–26.
2
Canisius (wie Anm. 1), S. 21.
3
Laut Nachruf des Freundes Friedrich Weill entschied dieses Ereignis, das dieser irrtümlich ins Jahr 1871 datierte, “über seine künftige Laufbahn”. (Friedrich Weill, »Erinnerungen an Heinrich Ordenstein«, in Die Pyramide. Wochenschrift zum Karlsruhe Tagblatt 10. Jg., Nr. 14 [3. April 1921], S. 105f, hier: S. 105). – Die Aufführung fand am 26. Juni 1868 in der Wormser Dreifaltigkeitskirche unter Beteiligung von knapp 600 Sängern aus der Region statt (vgl. den Bericht in Pfälzer. Bote für das Glanthal und Anzeige-Blatt für den Bezirk Kusel Nr. 53 [1. Juli 1868], S. 2).
4
Rudolf Bellardi, »Heinrich Ordenstein †«, in Neue Musik-Zeitung 42. Jg. (1921), Heft 15, S. 232.
5
Albert Herzog, »Ein Erzieher zur Musik. Zum 60. Geburtstag Heinrich Ordensteins«, in Badische Presse, 27. Jg., Nr. 9 (7. Januar 1916), Mittagsausgabe, S. 3.
6
Die Allgemeine Musikalische Zeitung in Leipzig konstatierte, dass der junge Ordenstein als Solist “eine ungemeine Technik entwickelte, ohne sich durch dieselbe recht eigentlich in unsere Herzen hineinspielen zu können. Wir geben gern zu, dass das Concert von Rubinstein zu einer Kraftprobe mehr als so manches andere Vortragsstück herausfordert, ja eine solche durchschnittlich sogar verlangt, dessen ungeachtet sind wir doch der Meinung, dass darin viele Partien vorkamen, die recht wohl eine noch feinere Behandlung zugelassen hätten. Wenn sich der junge Künstler einer noch grösseren Gemüthsvertiefung in seinem Vortrage befleissigt, so steht demselben eine gute Zukunft bevor. Derselbe hatte sich übrigens der günstigsten Aufnahme hier zu erfreuen.” (N. N., »Berichte«, in Allgemeine Musikalische Zeitung XIII. Jg., Nr. 11 [13. März 1878], S. 174).
7
Bellardi (wie Anm. 4), S. 232.
8
Weill (wie Anm. 3), S. 106.
9
Vgl. Canisus (wie Anm. 1), S. 23.
10
Zur Geschichte des Instituts bis zu Ordensteins Tod siehe unter anderem Claus Canisius, »Die verschiedenenen Epochen und Ziele der Musikerziehung«, in 100 Jahre Badisches Konservatorium Karlsruhe (wie Anm. 1), S. 13–17.
11
In den Münchner Neuesten Nachrichten war zu lesen: “Herr Ordenstein spielte mit Orchester das Konzert f-moll von Chopin und Solostücke von Raff, Liszt und Moszkowski. Er verfügt über eine allseitig durchgebildete Technik, deren Besonderheit in einem ungemein weichen Anschlag und großer Elastizität des Handgelenkes besteht. Dem entspricht auch seine Art der Auffassung, die mehr durch anschmiegsame Weichheit den Hörer in eine behagliche Stimmung versetzt, als durch Entschiedenheit der Darstellung imponirt.” (N. N., »Kaim-Konzert«, in Münchner Neueste Nachrichten 47. Jg., Nr. 76 [15. Februar 1894], Morgenblatt, S. 3).
12
A.H., »Das 25 jährige Jubiläum des Thierschutzvereins Karlsruhe«, in Badische Presse 12. Jg., Nr. 100 (30. April 1901), Abendausgabe, S. 1.

1. Reger-Bezug

Im Dezember 1890 lernte der 17-jährige Max Reger den Karlsruher Konservatoriumsdirektor Heinrich Ordenstein vermutlich im Hause seines Lehrers Hugo Riemann in Wiesbaden kennen.1 Riemann machte den Freund in der Folge nochmals auf seinen Schüler aufmerksam (“Der Reger wird einmal ein bedeutender Kerl werden”)2, wohl um diesem Kontakte in das Karlsruher Musikleben zu ermöglichen. Tatsächlich vermittelten Ordenstein und dessen Konservatoriumskollege Arthur Smolian, der Reger als Kritiker sehr gewogen war, den Kontakt zum Karlsruher Generalmusikdirektor Felix Mottl. Dieser plante Ende 1894 eine Aufführung von Regers Klaviertrio op. 2 (vgl. Brief Regers vom 20. November 1894 an Mottl), scheiterte jedoch am Widerstand seines Kammermusikpartners.3 Im November 1895 sandte Reger an Ordenstein und einen weiteren von dessen Kollegen, den Komponisten und Pianisten Stephan Krehl, seine Canons WoO III/4 in der Hoffnung, sie damit “in den Elementarklassen des Karlsruher Konservatoriums einzuführen” (Brief Regers vom 13. November 1895 an Smolian). 1898 widmete er Ordenstein und Krehl je eine seiner Fünf Spezialstudien für Klavier Chopin-B1 (Nr. 3 Impromptu As-Dur op. 29 und Nr. 4 Etude gis-Moll op. 25 Nr. 6). Im Falle Ordensteins mag sich Reger neben der Verwendung seiner Chopin-Bearbeitungen im Unterricht auch öffentliche Aufführungen erhofft haben, war der Widmungsträger doch als Chopin-Interpret etabliert. Zwar lassen sich bei den Prüfungskonzerten des Karlsruher Konservatoriums einige Aufführungen Regerscher Werke nachweisen4, jedoch kamen die Canons und die Chopin-Bearbeitung vermutlich nicht im Unterricht zum Einsatz und Ordenstein trat auch nicht nachweislich mit Reger-Werken vor das Publikum.

In einem 1908 erschienenen Interview mit dem Dirigenten Eugène d’Harcourt, der im Auftrag der französischen Regierung musikalische Ausbildungsstätten in Deutschland besuchte, beschrieb Ordenstein Reger als “une individualité marquante […] musicien d’une grande science, contrepointiste hardi visant à synthétiser à la fois Bach et Brahms.”5 Anlässlich eines von ihm moderierten Hauskonzerts in der »Vereinigung „Heimatliche Kunstpflege“« Ende März 1909, bei dem Regers Sechs Vortragsstücke op. 103a zur Aufführung kamen, ging Ordenstein jedoch auf Distanz. In der Diskussionsrunde sprach er davon, “wie in den letzten Werken Regers, besonders auch in der heute gespielten Suite sich eine merkwürdige Inkongruenz zwischen Form und Inhalt nachweisen lasse. Tonstückchen, die wie eine Gavotte, eine Burleske, eine Gigue sichtlich in die Kategorie des Hübschen und Zierlichen gehören, seien bei teilweise recht schwacher, thematischer Erfindung in einer anspruchsvollen Weise harmonisiert, deren häßliche und abstoßende Klänge zu dem zierlichen Charakter der von Bach hier übernommenen Formen in gar keine Beziehung gebracht werden könne. Gerade aus dieser Inkongruenz sei das künstlich Konstruierte dieser Richtung zu erkennen. Daneben sei allerdings das besonders in früheren Werken Regers hervortretende große Talent und seine uneingeschränkte Beherrschung der Kompositionstechnik selbstverständlich mit Nachdruck anzuerkennen.” (Rezension Badische Presse) 6 Da Reger zwischen 1906 und 1916 mehrfach in Karlsruhe konzertierte, sind persönliche Begegnungen mit Ordenstein wahrscheinlich, dokumentiert sind sie jedoch nicht.


1
Reger schreibt lediglich: “Gestern war Ordenstein aus Karlsruhe hier” (Brief vom 23. bis 25. Dezember 1890 an Adalbert Lindner). – Ein Konzert Ordensteins ist für Dezember 1890 in den Wiesbadener Tageszeitungen nicht dokumentiert. Naheliegend erscheint ein Besuch bei Riemann, mit dem Ordenstein eng befreundet war (siehe Biografie). Vgl. hierzu auch Jürgen Schaarwächter, »Auf dem Weg zu einer „Reger-Metropole“. Max Reger und Karlsruhe«, in Musik in Baden-Württemberg. Jahrbuch 2005, Bd. 12, hrsg. von Gabriele Busch-Salmen, Georg Günther u. Walter Salmen, München und Berlin 2005, S. 139–155; hier: S. 140.
2
Brief Riemanns vom 31. März 1891 an Ordenstein, zitiert nach Der junge Reger, S. 93.
3
Gemeint ist Heinrich Deecke, der Sologeiger der Hofkapelle, der “keinerlei Freude an dem Trio von Reger” hatte (Brief Mottls vom 16. Dezember 1894, zitiert nach Schaarwächter, »Auf dem Weg zu einer „Reger-Metropole“« [wie Anm. 1], S. 142).
4
Gespielt wurden unter anderem im Dezember 1911 und im Juli 1912 die Beethoven-Variationen op. 86 (vgl. Jürgen Schaarwächter, »Schlaglichter. Zu einigen unbekannten Karlsruher Dokumenten mit Reger-Bezug«, in Reger-Studien online, https://www.maxreger.info/rso/Schaarwaechter2024_Schlaglichter.pdf, S. 17).
5
Heinrich Ordenstein (undatiert), in Eugène d’Harcourt, La musique actuelle en Allemagne et Autriche-Hongrie. Conservatoires, Concerts, Théatres, Paris 1908 (= Mission du Gouvernement français, Bd. II), S. 10.
6
Der ungenannte Rezensent sprach beim Konzert vom 29. März 1909 irrtümlich von den “Damen Schweickart (Violine) und Hindersum-Baden-Baden”. Gemeint sind Margarete Schweikert und Johanna Wiedersum, eine holländische Schülerin des Karlsruher Konservatoriums, die Regers Suite bereits am 16. März in einem Vortragsabend des Konservatoriums gemeinsam gespielt hatten (vgl. Fünfundzwanzigster Jahresbericht des Grossherzoglichen Konservatoriums für Musik in Karlsruhe, Schuljahr 1908–1909, Karlsruhe 1909, S. 35).
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Object reference

Heinrich Ordenstein, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_pers_00199.html, version 4.1.0, 7th August 2026.

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