Frederic Archibald Lamond
Correspondence, Dedicatee
- Correspondence, Dedicatee
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1.
1.1.
Frederic Archibald Lamond wurde am 28. Januar 1868 in Glasgow geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf; sein Vater Archibald stammte aus dem nahe gelegenen Cambuslang, wo er als Weber gearbeitet und sich in Gottesdiensten auch als Chorleiter sowie als Dirigent eines kleinen Ensembles betätigt hatte, in dem er selbst Klarinette spielte. Aus wirtschaftlichen Gründen musste er 1859 sein Geschäft aufgeben und eine Anstellung in einer Baumwollspinnerei in Glasgow annehmen. Lamonds Mutter starb bei einem Unfall mit einem Ausflugsdampfer.1
Frederic erhielt ersten Klavierunterricht von seinem älteren Bruder David und Geigenunterricht bei Henry C. Cooper, dem Dirigenten am Gaiety Theatre, der auch ein gefragter Violin-Pädagoge war.2 Zudem erlernte er Oboe (auch Englischhorn) und Klarinette. Ab dem zehnten Lebensjahr spielte Lamond Orgel in zwei nahe gelegenen Kirchen. Er galt in Glasgow als Wunderkind (“prodigy”) und zog im September 1882, vierzehnjährig, in Obhut seines Bruder sowie mit zwei kleineren Schwestern nach Frankfurt/Main, wo er am Hoch’schen Konservatorium eingeschrieben wurde.3 Dort waren die Liszt-Schüler Max Schwarz (Klavier) und Anton Urspruch (Kontrapunkt und Komposition) sowie Fritz Bassermann (Violine) seine Lehrer. Nach dem Tod des Institutsgründers Joachim Raff zeigten sich einige Dozenten, darunter Schwarz und Urspruch, unzufrieden mit dem Kurs des neuen Direktors Bernhard Scholz. Sie verließen das Haus und riefen das Raff-Konservatorium ins Leben, in dem nun auch Lamond studierte; sein neuer Violin-Lehrer wurde Hugo Heermann.4 Nachdem Lamond mit Camille Saint-Saëns’ Klavierkonzert Nr. 2 g-Moll op. 22 im Konservatorium für Aufsehen gesorgt hatte, wurde er von Hans von Bülow, dem Ehrenpräsidenten des Instituts, gefördert und erhielt von diesem ab 1884 Unterricht in Frankfurt, Berlin und Meiningen. In Meiningen spielte Lamond Brahms' 2. Klavierkonzert op. 83 vor der Hofgesellschaft.5 1885 stellte von Bülow seinen Schüler Franz Liszt in Weimar vor, bei dem Lamond von Juni 1885 bis Januar 1886 Klavierstunden erhielt6 und den er auch auf dessen Reisen nach Rom und London begleiten durfe.
Um 1885 gab Lamond seine ersten Klavierabende in München (auf Einladung Felix Mottls), Berlin und Wien.7 Nach seinen Debüts in Glasgow, Dundee und Edinburgh im März 1886 trat Lamond in Anwesenheit Liszts in der Londoner St. James Hall in London auf und legte den Grundstein für seine internationale Pianistenkarriere.8 In den 1880er und 1890er Jahren konzertierte er vornehmlich in Deutschland (unter anderem in Dresden, Leipzig, Frankfurt und München), England, Schottland und den Niederlanden. Dabei wohnte er weiterhin in Frankfurt, wo er auch privat Klavier unterrichtete. Er machte sich unter anderem – empfohlen vom Komponisten – als Interpret von Tschaikowskys Klavierkonzert b-Moll op. 23 einen Namen und unternahm 1896 auch eine Russland-Tournee. Otto Bacher charakterisierte Lamonds Recitals im Musikalischen Wochenblatt als “Riesenprogramme, welche von Bach bis auf Liszt, Tausig, Tschaikowsky etc. die gesammte Clavier-Literatur umfassen und nur banale Effectstücke verschmähen. Nach meiner Ueberzeugung gravitirt die künstlerische Persönlichkeit Lamond‘s vorzugsweise auf die heroische Grösse eines Bach und Beethoven, auf die herbe Würde eines Brahms.”9 1902 unternahm Lamond seine erste USA-Reise und konzertierte in New York. Vier weitere USA-Tourneen sollten zwischen 1929 und 1929 folgen. 1923 und 1924 unterrichtete Lamond an der Eastman School of Music in Rochester.
1904 heiratete Lamond die prominente österreichische Schauspielerin Irene Triesch und verlegte seinen Lebensmittelpunkt nach Berlin, hielt sich bis 1914 jedoch jedes Jahr auch in London auf.10 Obgleich er über 50 Jahre seines Lebens in Deutschland lebte, blieb Lamond britischer Staatsbürger und wurde als solcher zu Beginn des Ersten Weltkriegs für ein paar Wochen in Ruhleben (heute zu Berlin gehörig) interniert.11 1917 erhielt Lamond eine Klavierprofessur in Den Haag. Von 1929 bis 1939 wirkte er neunzehn Male in den berühmten Proms (Promenade series) in London mit und trat dabei zumeist als Solist in Klavierkonzerten von Beethoven, Liszt und Tschaikowsky auf.12 Nach dem Vorbild Arthur Schnabels realisierte er zwischen Oktober 1933 und März 1934 im Berliner Beethovensaal seinen ersten Beethoven-Sonatenzyklus und wiederholte diese Konzertformat bald in Amsterdam, Kopenhagen, Den Haag, Leipzig und London. 1934/35 gab er überdies, wie seinerzeit Anton Rubinstein, sieben historische Konzerte (von Byrd zu Liszt), die er in der darauffolgenden Saison wiederholte; in das Jahr 1935 fiel auch seine erste Südamerika-Tournee.13 1935 exilierte Irene Triesch, die jüdischer Herkunft war, mit ihrem Mann nach England, wo Lamond für kurze Zeit in London unterrichtete. Wohl weil beide dort keine berufliche Perspektive sahen, reisten sie zurück auf den Kontinent: Lamond nach Berlin, seine Frau in die Schweiz. Lamond, der 1939 letztmalig in Deutschland konzertierte, übersiedelte nach dem Kriegsausbruch nach Schottland, wo er an der Scottish National Academy of Music unterrichtete; erst nach dem Krieg konnte seine Frau nachkommen. Im Winter 1941 wurde er von einem Auto angefahren und nahm dennoch, noch vor seiner offiziellen Entlassung aus dem Krankenhaus, einen Aufnahmetermin für die BBC wahr. Auf der Rückfahrt ins Krankenhaus verunglückte sein Taxi. Diesmal schwerer verletzt, musste er länger pausieren14 konnte dann aber seine Karriere bis 1946 fortsetzen. Lamond starb am 21. Februar 1848 in Stirling, nordwestlich von Edinburgh. Seine Frau zog später zurück in die Schweiz, wo sie 1964 verstarb. Ein Jahr nach Lamonds Tod erschienen dessen Memoiren, in denen er von seinen Jugendjahren und seinen Begegnungen mit Bülow, Liszt, Brahms und anderen berichtet.15
Lamond wollte in seinen sehr umfangreichen Recitals einen Überblick über die Musikgeschichte geben (siehe oben), dennoch lag der Schwerpunkt seines Repertoires auf Werken des 19. Jahrhunderts. Er ist als Interpret vor allem mit drei Namen verbunden: Ludwig van Beethoven, Franz Liszt und Johannes Brahms. “[…] throughout his life the supreme god of Lamond’s worship was Beethoven, whom he studied and reflected upon from his first days till his last”, schrieb Ernenst Newman im Vorwort von Lamonds Memoiren.16 Als Siebzehnjähriger studierte Lamond bei Hans von Bülow Beethovens Hammerklaviersonate op. 106, deren Schlussfuge er im Juni 1885 Liszt vorspielte.17 Die Beethoven-Editionen von Bülow dienten ihm als Referenz, als er 1923 im Verlag Breitkopf & Härtel Beethovens 32 Klaviersonaten in instruktiven Ausgaben herausgab.18 Überdies setzte er zahlreiche Werke seines Lehrers Liszt auf die Programme und bekam in den 1890er Jahren Anerkennung als Interpret von Brahms’ Variationen über ein Thema von Paganini op. 35, die als “das schwierigste und für den Concertvortrag undankbarste Werk der gesammten Clavierliteratur”19 wahrgenommen wurden. Für die Interpretationsforschung ist Lamond ein Glücksfall, da zahlreiche seiner Aufnahmen online verfügbar sind (z.B. auf YouTube). Er spielte Werke aus eigener Feder sowie von Beethoven, Liszt, Rubinstein, Brahms und Chopin auf Pianorollen der Firmen Welte-Mignon (ab 1904), Hupfeld (1906–08) und Duo-Art (1923–29) ein.20 In den Jahren 1919–41 entstanden dann Aufnahmen für die Gramophone Company “His Master’s Voice” und für das Label Decca Records. Unter den aufgenommenen Werken findet sich neben mehreren Beethoven-Sonaten, Klavierstücken von Liszt, Brahms und Chopin auch die erste Einspielung von Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73 aus der Royal Albert Hall von 1922.21 Wie Axel Schröter analysiert, “fußen Edition [der Beethoven-Sonaten] wie Einspielungen unzweifelhaft in der Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts respektive in den Beethovenanschauungen Franz Liszts und seines Schülers Hans von Bülow.”22
Zu Beginn seiner Karriere trat Lamond auch als Komponist hervor, gedruckt wurden jedoch nur vier Werke: 8 Clavierstücke op. 1 (Hamburg 1889), ein Klaviertrio h-Moll op. 2 (ebda. 1889), eine Symphonie A-Dur op. 3 (Uraufführung der Erstfassung 23. Dezember 1889 in Glasgow, gedruckt in revidierter Fassung Frankfurt/Main 1893) und die Konzertouverture Aus dem schottischen Hochlande op. 4 (ebda., 1894). Die Druckausgabe der Symphonie wurde von 1894 von Max Reger begeistert besprochen, der vermutlich der Aufführung im März 1893 in Wiesbaden beigewohnt hatte (siehe unten, Reger-Bezug).
1. Reger-Bezug
Am 19. März 1893 kam es im Wiesbadener Kurhaus unter der Leitung von Louis Lüstner zur Erstaufführung von Frederic Lamonds Symphonie A-Dur op. 3.1 Es ist anzunehmen, dass der in Frankfurt lebende Komponist der Premiere seines Werkes, das aus dem Manuskript aufgeführt wurde,2 beiwohnte.3 Möglich ist auch, dass unter den Zuhörern der 20-Jährige Max Reger war, der bis vor zuvor am Wiesbadener Konservatorium eingeschrieben war und nun seine professionelle Musiker- und Komponistenkarriere vorbereitete.4 In Wiesbaden war Reger bereits zweimal mit einer eigenen Bach-Bearbeitung öffentlich aufgetreten (Bach-B1 Nr. 3, frühe Fassung). Im Januar 1894 rezensierte Reger Lamonds Symphonie, die mittlerweile bei Steyl & Thomas in Frankfurt/Main erschienen war, für die Allgemeine Musik-Zeitung und fand dabei euphorische Worte. So lobte er die “wahrhaft sieghafte Herrschaft über die Form und die schöne Instrumentirung, die sich von allem Suchen nach leeren, bloss sinnlich wirkenden Orchestereffekten in erfreulichster Weise fernhält”, und resümierte: “Man muss wieder die im Charakter so verschiedenen Themen, die grosse Kunst der Instrumentirung, die Vollkommenheit der technischen Mache bewundern. Das ganze Orchester bis zum unbedeutendsten Instrumente ist voll Leben, alles so frisch und keck hingeworfen, ohne je im geringsten trivial zu werden.” (Rezension).
Zwischen Reger und Lamond entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis. Im Sommer 1895 lud Reger den fünf Jahre älteren Duzfreund sogar nach Bayern ein. Dieser konnte aus terminlichen Gründen nicht dorthin reisen, stellte aber ein Treffen in Wiesbaden in Aussicht (vgl. Postkarte Lamonds an Reger vom 27. August 1895), wo er Ende September im Kurhaus als Pianist konzertierte.5 Reger hatte auch vom Pianisten Lamond eine hohe Meinung. Er sei “ein ganz hervorragender genialer Spieler” (Brief vom 10. Oktober 1895) schrieb Reger Richard Strauss, und anlässlich zweier Münchner Beethoven-Abende im November 1901 schrieb er in einer Rezension: “Fr. Lamond ist der Grössten einer – und seine Domäne Beethoven.” (Rezension Rheinische Musik- und Theaterzeitung).
Reger widmete “Seinem Freunde Frederic Lamond” die Bearbeitung von Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge e-Moll BWV 548 für Klavier zweihändig (Bach-B1 Nr. 2). Lamond gehört zu jenem Personenkreis, den Reger, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten, mit der Widmung überraschte.6 Aufführungen Reger’scher Werke durch Lamond sind nicht bekannt.
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Object reference
Frederic Archibald Lamond, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_pers_00245.html, version 4.1.1, 11th August 2026.
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