Weiden, 31st March 1900

Max Reger to Gustav Beckmann

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Letter
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31st March 1900 (source)
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Weiden
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Senders
  • Max Reger
Recipients

Incipit
Verehrtester Herr Beckmann!
Soeben habe ich Herrn Radecke geschrieben, dass er op. 30 u. 33 […]

Regesta
erzählt, Radecke gebeten zu haben, einige seiner Werke im Unterricht einzuführen • lästert über das konservative kulturelle Klima in Berlin • bezweifelt, dass Phantasie und Fuge über B-A-C-H bis Pfingsten erscheinen könne, da vorher noch andere Werke erscheinen müssten • bittet den E. um Aufführungen der Choralphantasien op. 40a oder b • würde gerne ein Werk für Orgel und Orchester zu schreiben, will jedoch den überlasteten Verleger Aibl gegenwärtig nicht damit behelligen • berichtet dankbar von dem idealistischen Engagement Aibls für seine schwer durchsetzbaren Werke • regt sich über die Ignoranz der Interpreten gegenüber seinen Werken auf • echauffiert sich über den »Sumpf, in dem der deutsche Männergesang steckt« • fragt sich pathetisch: »Wann wird der „Siegfried“ unter den Sängern kommen, der meine Lieder erweckt!« • bekundet, dass seine Musik auf den »„billigen“ Effekt« verzichte • erklärt den Erfolg seiner Orgelwerke mit der durch das Bachspiel erlangten hohen Bildung der Organisten • beklagt sich über das Urteil des Widmungsträgers Hugo Becker über seine Violoncellosonate • verspricht dem E. für April die Komposition eines Widmungswerkes [op. 57] • klagt darüber, »aus Bequemlichkeit missverstanden« zu werden • klagt über seine ausufernden Kopistenpflichten für die eigenen Werke • wartet gespannt auf die Besprechung von op. 38 und bittet um Zusendung • bittet um die Rücksendung des Manuskriptes von op. 46a in der ersten Aprilwoche, um es zur Drucklegung an Aibl weitersenden zu können • teilt mit, dass Straube eine »äusserst flüchtig geschriebene Copie« von op. 46a besitzt
Remarks

Phantasie und Fuge über B-A-C-H op. 46 erschien schließlich erst im Oktober 1900 bei Aibl; das Beckmann gewidmete Werk war die Anfang Mai 1901 vollendete Symphonische Phantasie und Fuge op. 57


Publications

Max Reger-Brevier, hrsg. von Adolf Spemann, Stuttgart 1923, S. 74

1.

Weiden, 31. III. 1900.

2.

Verehrtester Herr Beckmann! Soeben habe ich Herrn Radecke geschrieben, dass er op. 30 u. 33 von Aibl zugesandt erhält und ihn gebeten, die Werke, wenn sie seinen Beifall finden, im Akad. Institut f. K. als Unterrichtsmaterial einzuführen. — Ich weiss im Voraus, dass es umsonst ist! Ja ich sage Ihnen sogar, dass Sie fest sein müssen, wenn Sie nach Berlin kommen – denn in diesen Staatsanstalten weht ein eisiger, konservativer Wind, wo man meine Orgelsachen am liebsten dahin wünschte, wo der Pfeffer wächst! Also seien Sie fest! Ich habe Herrn Radeke sehr höflich geschrieben! Allein einen „Kniefall“ kann man nicht verlangen von mir —. Sie sehen also, dass ich Ihren Wunsch erfüllt habe! Es sollte mich freuen, wenn ich mich täuschen sollte.
Nun zur Bach Phantasie [op. 46]; ich glaube nicht, dass selbe bis Pfingsten gedruckt ist, da zu viel noch vorher erscheinen muss! Da Sie aber doch nun in 6 Wochen op 40a u. b sicher erhalten, so spielen Sie bitte, bitte etwas op 40a oder b! Diese Bitte dürfen Sie mir nicht abschlagen!
Ich werde Herrn Aibl bitten, die Sache zu beschleunigen — aber es geht nicht, weil zu viel noch vorliegt, das unbedingt erledigt werden muss! Ich denke aber, dass op 40a u. b Ihnen so gefallen wird, dass Sie sicher eines von diesen beiden Werken bei der bewussten Versammlung spielen! Diese Bitte müssen Sie mir erfüllen!
Ihre Idee betr. eines Werkes für Orgel und Orchester ist ausgezeichnet — kommt auch sicher zur Ausführung! Aber ich kann es jetzt augenblicklich dem Verleger Herrn Aibl nicht zumuten! Bedenken Sie, der Mann hat an Orgelwerken op 30, 33, 40a u. b, und soll nun op 46a u. b [= 47] dazu kommen!
Ich frage Sie, wer kauft Orgelwerke von M. Reger? Wann kann sich das in diese Orgelsachen gesteckte Geld des Herrn Aibl mal rentieren?? Nur dann, wenn unsere Staatsinstitute dieselben als Unterrichtsmaterial obligatorisch einführen, wenn diese Sachen an allen Konservatorien gespielt werden! Ja, wann wird denn das sein! Können Sie garantieren, dass ich es selbst, obwohl ich erst 27 Jahre alt bin, erlebe? Ausserdem hat Herr Aibl noch so viel gedruckt wie Sie ja wissen! Ich frage Sie, welcher andere deutsche Verlag hätte dies alles in 1¼ Jahr gedruckt und — mich honoriert! Ich muss also Herrn Aibl zuerst etwas Ruhe lassen, ehe ich ihm mit einem Orgelwerk mit grossem Orchester komme! Denn – sagen wir – gut, dieses Werk ist heute gedruckt, macht natürlich Partitur, Orgelstimme Sämtliche Orchesterstimmen enorme Kosten – und dann – wer kauft es! Wie oft sind überhaupt die Möglichkeiten, so ein Werk aufzuführen! Ich versichere Sie, es gehört sich von Seiten eines Verlegers ein grosser Idealismus dazu, Werke wie meine zu drucken! Vorläufig wird nichts verdient! Glauben Sie denn Aibl hat an R. Strauss schon verdient! Nein; ich versichere Sie, er hat noch nicht die Kosten! Ja, wenn die Herren Musiker es angelegen sein liessen, einen neuen Componisten zu unterstützen! Ja, dann! Aber so — so — ich versichere Sie, mit wenigen rühmlichen Ausnahmen zu denen auch Sie zählen — hat man bloss StillschweigenDagegenarbeiten! Wer ist es denn, der immer umher schreit, dass meine Sachen nicht ausführbar wären! Sie kennen meine Volkslieder [WoO VI/6 oder VI/7], die letzthin in Schweizerischer Musikzeitung sowie Neuer Musikzeitung ganz ausgezeichnete Besprechungen erhalten haben! Nun gut; ich sandte diese Volkslieder an Prof. F. Schmidt, Dirigent des Berliner Lehrergesangvereins! Ja, was glauben Sie, was der Herr geschrieben hat: man könnte sie nicht singen –. Ich könnte Ihnen eine ganze Reihe von solchen Dirigenten sagen! Der Sumpf‚ in dem der deutsche Männergesang steckt, ist zu tief, als dass die Herren Dirigenten im Stande wären, das zu erkennen, was ich mit meinen Volksliederbearbeitungen eigentlich will! Mit einem flüchtigen Durchsehen wird man bei meinen Sachen nie Glück haben! Meine Musik verzichtet auf jeden sogenannten „billigen“ Effekt — ich gehe jeder nur im geringsten banalen Wendung mit Bewusstsein aus dem Wege! Ja, glauben Sie, man kommt so schnell dahinter! Sehen Sie meine Lieder an! Bisher hat noch nicht ein deutscher Sänger oder Sängerin von Bedeutung da eines gesungen! Warum? Ich kann Ihnen dies Faktum erklären! Die allgemein musikalische Bildung unserer Sänger ist zu gering, als dass sie sich sogleich mit meinen Liedern, die an die geistigen Fähigkeiten eines Sängers grosse Anforderungen stellen, befreunden könnten! Wann wird der „Siegfried“ unter den Sängern kommen, der meine Lieder erweckt!
Warum haben bisher meine Orgelwerke gerade von allen meinen Sachen am meisten Beifall gefunden — nun, weil der Organist durch sein Instrument schon, durch vieles Bachspielen eine musikalisch ungemein höhere Bildung hat als der Sänger oder Klaviervirtuos!
Sie haben meine Cellosonate [op. 28]! Ich weiss, es ist ein schwieriges Werk; es erfordert gründlichstes Studium, ehe man dieselbe ganz und gar beherrscht. Diese Sonate ist Hugo Becker gewidmet! — Nun, was schreibt er mir darüber: dass er sich mit dem Werk nicht befreunden könnte, da – das Cello, harmonisch hie und da nicht zum Klavier passte!
Ich bitte Sie, sehen Sie Sich mal Cellosonate gründlich an, [dreifach unterstrichen:] ob Sie eine einzige Stelle finden, wo das Cello harmonisch nicht zum Klavier passt!
Gut, also Becker spielt das Werk nicht!
Glauben Sie, es ist angenehm, fortwährend erfahren zu müssen, dass man lediglich aus Bequemlichkeit missverstanden wird!
O, ich könnte Ihnen da Beispiele erzählen, die grandios sind! Da heisst es mit schwerem Herzen Kopf oben behalten, wenn man sieht, dass alles fehl schlägt!
Z.B. Im Juni a.c. ist in Nürnberg das 1. bayerische Musikfest; das Comité hat einen Herrn Prof. Oechsler, Universitätsmusikdirektor zu Erlangen, gebeten, da ein Orgelwerk von mir zu spielen! Ja, ja, der Herr Professor erklärt: Es wäre der Wert der Regerschen Orgelwerke nicht derart, dass es sich rentierte‚ dieselben zu studieren!
Natürlich wird nichts daraus! Was sagen Sie denn dazu! Bitte, schreiben Sie mir da mal Ihre Ansicht! Nicht vergessen!
und so geht es immer!
Nun genug des Lamento.
Es versteht sich, dass ich sogar mehrere Werke für Orgel mit grossen Orchester schreibe; aber lassen Sie mir nur ein bisschen Zeit! Es kommt alles noch; es folgen die Symphonien etc. alle noch!
Nun eine Bitte: Bitte, besprechen Sie in Zukunft möglichst ausführlich! Und seien Sie nicht böse, wenn ich Sie so sehr plage.
Im April werde ich nun ein neues Orgelwerk schreiben, das ich Ihnen dediciere.1
Sie schreiben, das Copieren würde Ihre Augen zu sehr anstrengen? Ja‚ das glaube ich gerne; aber sehen Sie, ich muss die Sachen doch schreiben und nachher noch die langweiligen Korrekturbogen aus der Stecherei lesen! Gerne hätte ich Ihnen die Bach-Phantasie und Fuge [op. 46] selbst abgeschrieben — aber ich kann es mit bestem Willen nicht; ich muss hier, da kein Copist hier ist, alles selbst schreiben!
Ich muss nun von den 2 Samlungen geistlicher Gesänge [WoO VI/13] und Volkslieder [WoO VI/14], wovon die letzte Ihnen und Ihrem Chor dediciert ist, die Stimmen vorschreiben — das ist eine Arbeit von mindestens 166 Seiten (mit so und so viel Strophen Text!) Wäre hier ein Copist‚ so könnte ich ihm diese entsetzliche Arbeit übertragen - aber so muss ichs selbst machen! Solch eine Arbeit ist geisttödtend und hält auf!
Sehr gespannt bin ich auf Ihre Besprechung von op 38! Bitte, senden Sie mir dieselbe sofort nach Erscheinen! (Wenn möglich mehrere Exemplare!) Besten Dank! Empfehlen Sie die Chöre op 38 (u. Volkslieder) nun recht dringend Ihren Bekannten, welche Männergesangvereine dirigieren!
Wie findet sich die Dame mit meinen Liedern ab? Sie schrieben doch letzthin‚ dass Sie einige meiner Lieder einer Dame gegeben hätten! Schreiben Sie mir, bitte, darüber!
Nun für heute genug! Ich habe Ihnen nun so ziemlich alles geschrieben, was ich Ihnen schreiben wollte.
Nicht wahr, Manuskript von op 46a (Phantasie Bach) bitte im Laufe der Woche (1. Aprilwoche) zurücksenden an mich; ich muss das Manuskript unbedingt haben, da es schleunigst nach München soll!
Und sodann bitte ich Sie, mir dazu einen grossen Brief zu schreiben.
Die besten und herzlichsten Grüsse und besten Dank Ihr aufrichtigst ergebenster sehr eiliger Max Reger.

Eine äusserst flüchtig geschriebene Copie von Bach-Phantasie hat Herr K. Straube im Besitz! Gedulden Sie Sich also bis 6 Wochen, wo Sie op. 40 a und b erhalten! Auch Bach-Phantasie soll balde kommen, ich werde Herrn Aibl bitten, die Sache zu beschleunigen.


1
Diese Widmung erfolgte jedoch erst ein Jahr später mit der Symphonischen Phantasie und Fuge op. 57.
Object reference

Max Reger to Gustav Beckmann, Weiden, 31st March 1900, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_postObj_01000084.html, last check: 22nd April 2024.

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