Weiden, 16th April 1900

Max Reger to Ella Kerndl

Object type
Letter
Date
16th April 1900 (source)
Sent location
Weiden
Source location
DE,
Meiningen,
Meininger Museen,
Sammlung Musikgeschichte/Max-Reger-Archiv,
Br 011/2

Senders
  • Max Reger
Recipients

Incipit
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Besten Dank für Ihren freundlichen Brief u. Sendung […]

Regesta
dankt für die Zusendung des Programms • freut sich, dass die E. seine Bearbeitung von Bachs Präludium und Fuge D-Dur [BWV 532 Bach-B1 Nr. 3] üben wolle und bittet auch op. 32 zu spielen • teilt ihr mit, dass er die der E. gewidmeten Intermezzi op. 45 sowie opp. 46a, 46b, 47 [später: 46, 47, 48] und eine Sammlung Bach‘scher Choralvorspiele für Klavier [Bach-B4] diese Woche noch zum Verleger sendet • bald erscheinen bei Jos. Aibl die Lieder op. 43 • freut sich, dass die E. eine Sängerin für seine Lieder interessieren möchte • ist von seinem Blüthner-Flügel begeistert • betont, die E. solle sich glücklich schätzen, ihre Partner losgeworden zu sein • wird den Sommer daheim verbringen, da er dort besser schaffen könne als wenn er beispielsweise wie im Vorjahr auf Besuch sei • spricht über die Pariser Ausstellung und bemängelt die »Teilnahmslosigkeit gegen alle künstlerischen, literarischen Bestrebungen!« in Deutschland • berichtet von den neuesten Bücher, die er gelesen habe, darunter Ibsen und Tolstoi oder Gedichte von Maria Stona und Anna Ritter • bearbeitet geistliche Gesänge für 4-8-stimmigen Chor [WoO VI/13 und WoO VI/14] • verspricht der E. opp. 45, 43 und 41 sofort nach Erscheinen zu senden
Remarks

Publications

Max Reger, Briefe eines deutschen Meisters. Ein Lebensbild, hrsg. von Else von Hase-Koehler, Leipzig 1928, S. 74f.

1.

Weiden, bayerische Oberpfalz,
Allee 22,
16. April 1900.

Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Besten Dank für Ihren freundlichen Brief u. Sendung des Programms! Es freut mich sehr, aus Ihrem Briefe zu entnehmen, daß Sie die Bach-Präl. & Fuge studieren wollen. Besten Dank! Bitte, vergessen Sie dabei mein op 32 nicht! Nun; im Laufe dieser Woche sende ich an Aibl:
op 45 Intermezzi für Klavier zu 2 Händen. (46 Seiten stark!)
(Ihnen dediciert!/Verzeihung für den Schreibfehler!/
op. 46a Phantasie & Fuge für Orgel über B a c h! (Also Phantasie und Fuge!)
op 46b Sechs Trios für die Orgel; op 47 Sieben Lieder.
außerdem eine Sammlung Bach’scher Choralvorspiele für Klavier übertragen.

Daß Sie sich einige Sängerinnen einladen wegen meiner Lieder, freut mich ungemein; hoffentlich gelingt es Ihnen die Damen für die Sachen so zu interessieren, daß selbe meine Lieder singen; in Bälde erscheinen 8 Lieder op. 43 bei Aibl; ich werde Ihnen dieselben zusenden; bis in 8 Wochen dürften dieselben gedruckt sein; bitte, geben Sie mir immer Ihre Adresse an, damit ich weiß wohin ich die Sachen senden soll! (Ich meine, weil Sie im Sommer auf Reisen gehen!)

An Herrn Aibl habe ich geschrieben wegen der Leihinstitute! Ja, die Leihinstitute müssen eben dann die Sachen kaufen!

Mein Blüthner ist da; ein ganz wundervolles Ding; ich wünsche Ihnen nur, daß Ihr Bösendorfer auch so gut ausfällt; denn Blüthner hat das Instrument extra für mich gebaut! Seien Sie froh, wenn Sie Ihre Herren Partner glücklich “losgeeist” haben; denn das ist ganz schauderhaft, mit Partnern zu thun zu haben, die nicht können; man kann sich auf solche Leute nie verlassen! Ich selbst habe schon mehreremals [sic!] ähnliche trübe Erfahrungen gemacht!

Den Sommer über werde ich hier bleiben; ich habe viel vor – u. das kann ich nicht, wenn ich anderswo bin, ausführen; z.B. voriges Jahr, wo ich bei Damen war, da mußte man sich den ganzen Tag als galant h’omme zeigen – u. dazu habe ich sehr wenig Anlagen! Man ist in fremdem Hause nie so Herr seiner, daß man ungestört arbeiten kann!

Dieser Pariser Ausstellung interessiert mich wenig; Deutschland hätte einen großen Artikel auszustellen, u. würde da sicher “Goldene Medaille” erlangen! Dieser Artikel heißt: Theilnahmslosigkeit gegen alle künstlerischen, litterarischen Bestrebungen! Aber dieser Artikel ist in Deutschland zu solch enormen Umfange gediehen, daß er nach Paris nicht mehr – transportabel ist!

Es ist geradezu ein Elend, wie die gebildet sein wollenden Kreise sich gegen jegliche künstlerische, litterarische Bestrebung abschließen! Bücher kaufen – o, das gibt es nicht! Eine prakische Hausfrau versicherte mir letzthin allen Ernstes, alles Geld für Bücher wäre hinausgeworfen! Nun, ja; es mag ja möglich sein – aber neben den Büchern figurieren sogleich die Noten – als Luxusgegenstand!

Haben Sie Ibsens neuestes Drama (er nennt es “Dramatischen Epilog”): “Wenn wir Todten erwachen” schon gelesen oder gesehen! Wenn nicht, so schaffen Sie Sichs schleunigst an! Ein ganz wundervolles Ding; besonders für künstlerisch denkende Menschen! Auch vergessen Sie nicht “Auferstehung” von Tolstoi (Reclam) [–] Übrigens gratuliere ich Ihnen zu Ihrer Landsmännin der Frl. Marie Stona, die 2 Bändchen Gedichte herausgab! Alle Achtung vor dem schöpferischen Talent dieser Dame! Ich stelle sie direct neben die Sachen von Anna Ritter; übrigens von Anna Ritter muß jetzt, wie sie mir schrieb, bei Cotta ein neuer Band Gedichte erscheinen!

Ganz “fromm” bin ich nun geworden, indem ich Geistliche Gesänge für 4–8stimmigen Chor bearbeitete!

Die Melodien u. Texte stammen alle aus den [sic!] 14.–17. Jahrhundert. (Aibl.)
Die Intermezzi op 45 (Ihnen dediciert) werden wohl balde erscheinen u. erhalten Sie dieselben sofort nach Erscheinen.

Mit der Bitte meiner Werke stets gedenken zu wollen
Ihr
mit vorzüglichster Hochachtung
besten Empfehlungen
ergebenster
Max Reger

Besten Dank für Alles!
Lieder op 43 sende Ihnen sofort nach Erscheinen (in vielleicht 8 Wochen!)
Vorher erhalten Sie eine Sonate A Dur op 41 für Violine & Pianoforte! Sie sind doch noch in Wien bis dorthin? Ja?

Object reference

Max Reger to Ella Kerndl, Weiden, 16th April 1900, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_postObj_01001023.html, last check: 13th April 2024.

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