München, 12th August 1902
Max Reger to Max Reger
Karlsruhe,
Max-Reger-Institut/Elsa-Reger-Stiftung,
Ep. Ms. 1778
- Max Reger
- Max Reger
Frau Elsa von Bercken
Schneewinkl-Lehn
bei Berchtesgaden
Mein lieb süß süß Bräutchen!
Viel Dank, viel Kußl zum Dank für Deinen lieben, lieben Brief […]
Erich Hermann Müller von Asow, An die unsterbliche Geliebte. Liebesbriefe berühmter Musiker, 3. Aufl. Frankfurt a. M. u. Bonn 1962, S. 163–171
1.
Dienstag abend! 9 ¼ Uhr.
Mein lieb süß süß Bräutchen!
Viel Dank, viel Kußl zum Dank für Deinen lieben, lieben Brief; also di[e] 2 Ringe hab ich schon; sie sind nicht breit; ungefähr so breit als Du sie mir angegeben hast! Reines Gelbgold sind sie nicht; denn von reinem Gelbgold hat mir der Juwelier so sehr abgeraten u. sieh, das wäre doch recht betrübend, wenn sich dann unsre Ringe so schlecht tragen würden! Gelt, Du bist nicht böse; ich habe die feinste Legierung genommen, die ich erhalten konnte! In Deinem Ring, der genau an meinen kleinen Finger paßt (hoffentlich ist er Dir nicht zu klein!) ist eingraviert: M. R. 25. X. 02.; in meinem E. v. B. 25. X. 02. Hab ich alles recht gemacht? Ja! Schreib mir, ob ich alles recht gemacht habe! – Heute abend geb ich Ansichtskarte an Dich auf, laut der ich also die Wohnung Wörthstraße 20 I fest gemietet habe! Hab’ ich das auch recht gemacht. Schreib darüber! Nun mein süß süß Bräutchen zu Deinem Brief: halt; also ich fahre nächsten Sonnabend früh 730 Uhr von München-Ostbahnhof mit Eilzug (das ist ein Schnellzug aber ohne Zuschlagskarte, die damit erspart ist) bin 1054 in Reichenhall u. mittags 12 31 in Berchtesgaden! Also: wenn ich nicht krank werde u. sonst nichts passiert: Du weißt nun, wann ich komme! O, ich freue mich so, so, so, so unendlich auf nächsten Sonnabend! Ich freue mich so sehr!
Nun zu Deinem Briefe: Also bang ist Dir vor der Arbeit, die alle noch bis 25. Oktober erledigt werden muß! Nun mein süß Schatzl, ich hab ja auch noch so, so, so viel Arbeit! Doch Dein letztes Bild ist sehr schön! Ich hab es sehr sehr gerne!
Ja, Du hast recht geistig sind wir uns unentbehrlich geworden – u körperlich – o Elsa! Gewiß, das auch! Gott wird uns beiden ein langes Leben schenken, damit wir recht glücklich sein können. Daß Deine Frau Mama so gut zu Dir ist, freut mich so sehr! Wer gut zu meiner Elsa ist, ist auch gut zu mir!
Wegen Kommen ist ja alles in Ordnung; Du, weißt, nächsten Sonnabend mittags 1230! Verspäte Dich nur nicht, wenn Du mich abholen wirst! (Denn sonst würde ich Dich sehr necken) Gewiß gehen wir viel spazieren – aber erst nach dem Kaffeetrinken, da ich zuviel Arbeit habe!
Ja, da hast Du recht; es ist von Rosa wirklich geradezu gemein, wenn sie so dumm daherredet! Bitte, rege Dich nicht auf drüber; es ist nicht der Mühe wert; sie sind in Wien u. wir sind in München! Ob sich Emma da von Rosa „einwickeln“ läßt oder nicht, kann uns 2 egelemant [egalement] sein; Weißt, das macht alles, weil sie sich hat taufen lassen; das ist ja für solche Betschwestern das Höchste, einen Ketzer bekehrt zu haben! Aber ich halte Rosa’s Religiosität für Schauspielerei! Mir ist Rosa ebenfalls sehr unsympathisch; sie ist mir zu gescheidt! Weißt, wenn man sich selbst immer als die beste Gattin, fürsorglichste Mutter u. ausgezeichnetste Hausfrau erklärt – das legt sich bei mir auf die Nerven!
Wie gut Deine Frau Mama ist, das ahne ich; ich weiß, daß wir beide an ihr eine treu besorgteste liebevolle Mutter haben werden, u. niemand wird mir diesen Glauben rauben. O, ich freue mich [dreifach unterstrichen:] sehr, immer Arm in Arm mit Dir zu gehen; sagst Du es jetzt schon Deinen Bekannten, daß nächsten Sonnabend Dein Bräutigam kommt?
O, Liebling, wie glücklich machst Du mich, wenn Du mir sagst u. schreibst, daß Du mich sehr, sehr gerne hast! Gelt, Du sagst das oft, oft zu mir, daß Du mich von ganzem Herzen lieb hast! Gelt; ich bitte Dich [dreifach unterstrichen:] so sehr darum! Allein u. Grübeln sollst Du bei mir nie; Du bist dann immer, immer bei mir u. ich immer, immer bei Dir! Gelt! Und sieh, ich weiß es ja, welches unendliche Glück Du mir bereiten wirst; ich weiß es, wie unendlich lieb u gut Du zu mir sein wirst – u. ich habs so gerne, so gerne von Dir recht gründlichst verhätschelt zu werden! Und sieh, wenn uns Gott auch kein Kindchen schenkt, – wer weiß für was es gut ist, wenn er uns keines schenkt – an meiner Seite wirst Du darob sicher Dich nicht unglücklich fühlen; denn Deine ganze Seele werde ich ausfüllen, u. keine, keine andere Sehnsucht wird in Deiner Seele mehr Platz finden!
O, wie selig macht es mich zu wissen, daß Du Dich freust mein süßestes Weib zu werden! Ja u. wie wird meine heiße heiße Liebe Dich einhüllen, Dich einhüllen in lauter heißeste Zärtlichkeit! Und daß Du nicht nörgelst, nicht schmollst – o, das ist so lieb, so lieb! – Ja, Elsa, ich sehne mich so sehr / so sehr nach dem Frieden meines eigenen Heims, meines eigenen Herdes. Ich weiß, Du willst wie ich nur Frieden haben, nur Ruhe – u. darnach sehne ich mich auch so! O, unser Heim, unser Nestchen wird so schön! Gelt, Liebling, Du gehst [je dreifach unterstrichen:] nie, nie decolletiert; ich würde närrisch vor Eifersucht! Liebling, gelt, ich hab s.Z. recht gehabt als ich Dir schrieb, in meinen Armen wirst Du erwarmen!
Schatzl, nicht böse sein; das Lied „Morgen“ [op. 66 Nr. 10] kann ich Dir nicht mitbringen, da es schon auf dem Weg nach Leipzig ist; sei nicht böse – aber sieh, die 10 neuen Lieder mußten sofort in Stich; warum – das darf u. kann ich Dir jetzt nicht verraten – ich weiß aber, wenn Du erfährst, warum – daß Du mich dann ¼ Stunde lang abküßt! Gelt, Du bist mir nicht böse drüber.
Dafür bringe ich schöne Gedichte mit zum Componieren; ich bleibe bei Euch bis 31. August; darf ich so lange bleiben? Und bis 31. August [vierfach unterstrichen:] muß ich 6 neue Lieder komponieren! Außerdem noch 6 neue Orgelstücke; Du siehst mit Ausnahme der Sonntage gibt es schauderhaft zu thun, da ich noch die Korrekturen von Peters mitbringe u. die Bach’sche Cantate [RWV Bach-H1], welche letzteren beiden Sachen ich in Berchtesgaden sicher erledigen muß! Gelt, nun verstehst Du, warum wir an Werktagen erst nach dem Kaffee fortgehen können!
Ich bringe meinen Sommeranzug für Sonntag mit, dann guten Sammtrock fü[r] Werktag u älteren Sammtrock zum Arbeiten! Gelt, das ist so recht!
O, lieb süß Bräutchen, Du hast Angst wegen der 925 M Schulden! Nun höre: ich bekomme für die heute fortgesandten 10 Lieder 500 M; (500 M) dann fü[r] die 6 Lieder 300 M, von Aibl für Bachbearbeitungen 500 M dann ist mir die Musikwoche 200 M schuldig; also: 500 + 500 + 300 + 200 = 1500 M; dieses Geld ist bis spätestens 20. September da! Ferner schreibe ich im September Choralvorspile für O[r]gel (50 Stück [Opus 67]) welche mir 1000 M tragen u. in der Zeit vom 1.–15. Oktober noch 10 Orgelstücke welche 600 M tragen; außerdem bekomme ich für meine Bach’sche Kantate [RWV Bach-H1], welche ich in Berchtesgaden noch erledige auch noch 200 M
75 M an sonstigen Kleinigkeiten
100 M Kücheneinrichtung
100 M sonstige Kleinigkeiten
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1200 M
100 M Fahrt zu Hochzeit im Oktober
etc.
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1300 M
bleiben 200 M Rest;
Die anderen 1600 M (1000 M Choralvo[r]spile u 600 M O[r]gelstücke haben wir dann sogleich zum Leben! Mit diesen 1600 M reichen wir bis März 1903 sicher; bis dorthin habe ich schon wieder viel Geld verdient!
Aber sehr sehr sehr fleißig muß ich sein bis 20. Oktober! Zu der Arbeit im November kannst Du [dreifach unterstrichen:] helfen; ich zahle Dir selbstredend Honorar! Es ist das eine Sache, die uns viel Geld bringt, u die [dreifach unterstrichen:] sehr leicht verdient ist!
Ulrichs reisen wahrscheinlich so am 21. August ungefähr! Ja Liebling, an Dich denke ich immer u. immer immer u. immer! Und Wunder an Liebe wirst Du an mir u bei mir erleben! Ich fühle es, wie alle meine guten Eigenschaften [dreifach unterstrichen:] nur bei Dir zur Blüte kommen können! Ich weiß es, wenn Du bei mir bist, werde ich ein recht guter Mensch; denn Dein Einfluß auf mich ist ja unbegrenzt! Und ich hab Dich [vierfach unterstrichen:] so unendlich, so unendlich lieb!
Von den 3 kleinen Stücken fü[r] die Musikwoche, habe ich schon eines geschrieben; eines schreibe ich dann in Schneewinkl, das dritte dann anfangs September wieder hier, dann bekomme ich im Januar 75 M dafür; von anderen Musikzeitungen bekomme ich ja so nebenbei auch immer was; macht doch so 100 M mindestens im Jahr! was die anderen zahlen (die Musikwoche 300 M)
Du süß Liebling, das wird wohl der letzte Brief sein, denn [= den] ich an Dich schreibe, denn vor Freitag früh kann keine Antwort auf diesen Brief dasein; u. dann komme ich ja selbst; gelt, wenn Du nochmals großen Brief an mich schreibst, dann ja nicht später aufgeben als [vierfach unterstrichen:] Donnerstag, weil ich ihn dann sonst nicht mehr erhalte! Gelt, Du schreibst mir sicher noch mal recht lieben, lieben, lieben lieben Brief; ich freue mich so sehr schon auf Deinen nächsten Brief; gelt, Du schreibst mir; aber nicht später als Donnerstag aufgeben! Ich schreibe Dir jeden Tag noch Karte! Auch Sonnabend vormittags erhältst Du noch Karte! Du sagst, es macht Dich glücklich, wenn ich Dir sage, daß ich Dich so sehr, so sehr lieb habe! Komm geschwind, schmiege Dich innig an mich u laß Dir ins Ohr flüstern, daß ich Dich gar so unendlich, so unsagbar lieb habe, daß alle, alle, alle alle meine Gedanken Dir allein gehören, daß ich mein höchstes Lebensziel darin ersehe, Dich als meine so heiß geliebte süßeste Frau zu haben u. Dich so recht von ganzem, ganzem Herzen zu lieben so, wie noch kein Mann seine Frau lieb gehabt hat!
Du höre, „Befiehl dem Herrn“ [WoO VII/34] ist am 4. August im Dom zu Ulm gesungen worden!
Es freut mich so sehr, daß Deine Frau Mama so unendlich gut zu uns beiden ist; u. ist es mir eine große Beruhigung, daß Deine Frau [Mama] mit Deiner Wahl ganz einverstanden ist! Nie, nie werde ich all die Versprechen, die ich Deiner Frau Mama gegeben habe nur im Geringsten brechen; nein, nein, Du u Deine Frau Mama sollt [dreifach unterstrichen:] nur Schönstes an mir erleben! Und wie schön sollst Du es bei mir haben! So schön! So voller süßestem Glück, so volle[r] heißester Liebe erfüllt u. umgeben soll Dein Leben an meiner Seite sein; meine Liebe wird Dich umfluten u Du sollst recht, recht, recht glücklich sein!
Gelt, Du hast mich recht lieb; gelt ja, Du hast mich von ganzem Herzen lieb! Ach sieh, es macht mich so sehr selig, wenn Du mir sagst, daß Du mich so von ganzem Herzen liebst.
Nun wird’s Zeit zum Schlafengehen; ich bin müde, muß morgen viel arbeiten; morgen muß das Klavierstück für die „Musik“ schreiben [WoO III/18]; Du weißt ja, was das ist; ich las Dir den Brief ja in der Restauration im Zentralbahnhof vor! Im Kopfe habe ich das Stück schon; es wird gut werden! Bis mittag habe ich es hoffentlich fertig; nachmittags muß ich sehr an der Cantate [RWV Bach-H1] u. den Korrekturen arbeiten! O, es gibt schon zu thun!
Aber ich arbeite ja so gerne, so gerne, so gerne, weil ich Dich habe, weil es ja für Dich ist!
Nun gute Nacht; morgen früh schreibe ich weiter u. erhältst Du diesen Brief bis morgen Mittwoch nachmittags! Gelt, Du schreibst mir [dreifach unterstrichen:] sicher noch auf disen Brief – aber nicht später als Donnerstag aufgeben! Gelt, Du schreibst mir sicher; sieh, ich sehne mich so unendlich nach Dir, sehne mich [fünffach unterstrichen:] so seh[r], so sehr, so sehr nach Dir! Gelt, Liebling, Du hast mich gerne! Gute Nacht; gute Nacht; ach, wenn wir doch vereint wären, dann würdest Du in meinen Armen so süß schlafen, von mir mit so so heißen Küssen in Schlummer geküßt! Nun gute Nacht; ich hab Dich so unendlich lieb, so unendlich gern Behalt mich lieb, u bleib mir gut.
verte
Guten Morgen, mein süßes Lieb! Hast Du gut geschlafen? Ach, heut mittag muß ich in die Stadt; das ist langweilig; u. gerade heute gibt es so so viel Arbeit! Nun ist bloß mehr Donnerstag u. Freitag dazwischen bis wir uns wiedersehen! Und ich freue mich so auf Sonnabend mittag 12 ½ Uhr! Weißt, Liebling, ich hab’ Dich ja so unendlich gerne u. sehne mich so nach Dir! Wenn ich nur ein bißchen Zeit habe, dann gehen wir in Schneewinkel spazieren; gelt; nächsten Sonnabend arbeite ich nachmittags nichts mehr; der Nachmittag gehört ganz Dir.
Und ich freue mich so auf Sonnabend. Ich zähle schon die Stunden bis ich Dich wiedersehe. Leb wohl; gelt,Du schreibst mir nochmals – bitte, bitte, bitte mein süßestes Lieb, aber nicht später als Donnerstag den Brief aufgeben. Bitte sage Deiner Frau Mama, Berthel, Tante Resi meine alle[r]schönste[n] Grüße an Dich – u. sei Du viel-, viel- viel- vielmals umarmt u. geküßt, so heiß geküßt von
Deinem Max, der Dich so unendlich, so unendlich gern hat u. Dir so so treu ist! Behalt mich lieb schreib mir umgehenst wieder!
[am Seitenrand:] Meine Eltern u. Schwester grüßen Dich bestens, auch die Deinen!
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Max Reger to Max Reger, München, 12th August 1902, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_postObj_01004315.html, version 4.0, 12th May 2026.
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