Weiden, 23rd January 1899

Max Reger to Ernst Guder

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Letter
Date
23rd January 1899 (source)
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Weiden
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Only known from: Copy, Max-Reger-Institut/Elsa-Reger-Stiftung, Karlsruhe | Ep. X. 1784


Senders
  • Max Reger
Recipients

Incipit
Lieber Freund!
Etwas „rappelig“ bist Du doch! Am Mittwoch sendest Du Telegramm, dann […]

Regesta
dankt für Zusendung von Liedern • äußert sich positiv über Hugo Wolf und kritisiert Hallwachs: »Sehr, sehr viel Liedertafelstyl ist noch drinnen« • weist Hallwachs Fehler nach • äußert sich vernichtend über Der Bärenhäuter von Siegfried Wagner (»unsagbar trauriges Machwerk«) • sieht in Aufführung des Werkes eine Beschmutzung des Namens Richard Wagner • nennt einzeln die bei Aibl (op. 20, 21, 28, 30, [WoO VI/6]) und Rob. Forberg (opp. 24, 26) erscheinenden Werke • äußert zu den Fünf ausgewählten Volksliedern für Männerchor [WoO VI/6] und den Sechs Walzern op. 22: »Die Walzer u. Volkslieder sind so, daß Ihr damit große Geschäfte machen könnt« • bittet um Anschaffung einiger Werke sowie um Werbung dafür • teilt mit, von Breitkopf & Härtel in Bezug auf die Lieder op. 23 noch keine Antwort erhalten zu haben • berichtet, vor acht Tagen ein Wiegenlied [WoO VII/19] komponiert zu haben, das bei der Taubald’schen Buchhandlung in Weiden erscheinen wird und für das ihm ein Honorar von 50 M angeboten wurde: »Dieses neue Lied ist so einfach u. so melodiös, daß Du Deine helle Freude daran haben wirst.« • bittet, über Richard Strauss nicht schlecht zu reden (»seit Brahms’ Tode der 1. lebende Komponist!«), auch da er ihm die Verlagsbeziehungen zu Aibl und Forberg verdankt • hat Strauss aus Dankbarkeit seine Phantasie und Fuge op. 29 gewidmet • berichtet von einem Konzerterfolg • fragt, ob der E. genügend Materialien zu einem Vortrag [offenbar über Reger] habe • bittet den E., nochmals »dasselbe Geschäft wie neulich« zu übernehmen [Auszahlung von Regers Schuldnern in Wiesbaden] • bittet, Voß auf seine Bach-Bearbeitungen [Bach-B1 und Bach-B2] aufmerksam zu machen • teilt mit, dass er schon lange weiß, dass Bagenskis nach Berchtesgaden ziehen • hat in der letzten Woche wieder Neun ausgewählte Volkslieder übertragen • empfiehlt, mit der »Regerausstellung« [d.h. Schaufensterwerbung in der Buchhandlung Schellenberg] noch bis zum Erscheinen der neuen Werke zu warten
Remarks

Publications

Der junge Reger. Briefe und Dokumente vor 1900, hrsg. von Susanne Popp, Wiesbaden 2000 (= Schriftenreihe des Max-Reger-Instituts, Bd. XV), S. 377–380

Max Reger, Briefe zwischen der Arbeit, hrsg. von Ottmar Schreiber, Bonn 1956 (= Veröffentlichungen des Max-Reger-Instituts, Heft 3), S. 64–67

1.

Weiden, bayerische Oberpfalz,
23. Jan. 1899.

2.

Lieber Freund!
Etwas „rappelig“ bist Du doch! Am Mittwoch sendest Du Telegramm, dann war wieder Pause u. endlich kam heute früh Eilbrief – u. ½ Stunde später kamen die Lieder. Für letztere danke ich Dir sehr. Die von Hugo Wolf interessieren mich sehr; das von H. Richard hat einen sehr schönen Text, ist aber nichts wert! Nun Hallwachs sei so stolz geworden; den Liedern nach, die Du mir sandtest, nach hätte er noch gar keinen Grund! Sehr, sehr viel Liedertafelstyl ist noch drinnen! Außerdem schreibt er sehr unorthographisch! Bitte, frage ihn, ob in „Ewig jung ist mir die Sonne“ in der 1. Zeile im 1. Takte in der linken Hand wirklich a a stehen soll; nach meiner Meinung nach ist dies falsch notiert. Der betreffende Akkord heißt as, c, es, ges, heses u. muß heses notiert sein. Ferner in der 2. Zeile (2. Takt) ist oben r.H. heses verlangt, während gleich darauf die linke Hand b bringt! Ist dies Absicht oder Druckfehler! Diese falschen a kommen öfter vor in dem Liede! Die Begleitung ist besonders im 2. Liede (Das heilige Feuer) viel zu wenig selbständig.
Nun zum „Bärenhäuter“! Ich halte es für einen Schandfleck in der deutschen Kunstgeschichte, daß man ein so unsagbar trauriges Machwerk aufführt; denn das, was ich von dieser Musik kenne, ist so haarsträubend talentlos, daß ich nicht begreife, wie sich denkende Künstler, zu denen Reuß doch zählen will, über solch eine erbärmliche, allen künstlerischen Forderungen absolut unfähig gegenüberstehende Arbeit noch Vorträge zu halten, getrauen. Das gränzt an Geisteskrankheit! Die Handlung ist ja manchmal geradezu absurd u. saudumm! Abgesehen davon daß ein R. Wagnerverein überhaupt eine Simpelei ist, sollten gerade die R. Wagnervereine Front machen, gegen eine derartige Beschimpfung des Namens Richard Wagner, welche Beschimpfung darin besteht, daß eben dieses Richard Wagners Sohn eine solche Oper schreibt u. daß man eine solche elende Geschichte noch aufführt. Das ist Blutschande! Dies mein Urteil u. ich denke, daß die wirklich denkenden und wahren Wagnerfreunde mir recht geben. Die Zukunft wird mir recht geben.
Nun zu mir:
Bei Jos. Aibl, München (Maximilianstr. 35) erscheint von mir:
op 20 Fünf Humoresken für Klavier zu 2 Händen.
op 21 „Hymne an den Gesang“ für Männerchor mit großem Orchester (Partitur, Klavierauszug, Stimmen etc)
op 28 Sonate (Gmoll) für Violoncello u. Pianoforte
op 30 Fantasie für Orgel über den Choral: Freu dich sehr, o meine Seele!‘ Am 1. Februar 1899 erscheinen in demselben Verlag: op 22 Sechs Walzer für Pianoforte zu 4 Händen (2 Heftchen) u.
„Fünf ausgewählte Volkslieder“ für Männerchor übertragen [WoO VI/6].
Ich bitte Dich, bei Aibl direkt die Walzer zu bestellen, auch die „Volkslieder“. Die Walzer u. Volkslieder [WoO VI/6] sind so, daß Ihr damit große Geschäfte machen könnt. Bitte, lasse Dir also die Walzer u. Volkslieder, die am 1. Febr. erscheinen, direkt kommen; die Walzer sind sehr leicht und flott.
Bei Rob. Forberg in Leipzig (Thalstr. 19) erscheint von mir:
op 24 Six Morceaux pour Piano à deux [Einschub: »(2)«] mains (6 Hefte) u. op 26 Fantasiestücke für Klavier zu 2 Händen (7 Hefte) Diese beiden Werke erscheinen ebenfalls am 1. Februar 1899. Selbe enthalten Nummern, die schnell populär werden.
Bitte bestelle also Dir die Sachen direkt.
In diesen op 24 u. 26 sind Stücke, die geeignet sind zu weitester Verbreitung! Ferner erscheint bei Forberg noch op 27 Fantasie für Orgel über den Choral: „Ein’ feste Burg ist unser Gott“ u. op 29 Fantasie u. Fuge (Cmoll) für Orgel (Richard Strauß gewidmet)
Ich bitte Dich nochmals die Walzer op 22 u. 5 Volkslieder (ohne Opuszahl) [WoO VI/6] bei Aibl u. die op 24 u. 26 bei Forberg direkt zu bestellen u. dafür kräftigst Propaganda zu machen. In den op 22, 24, 26 sind Stücke enthalten, die Dir sehr gefallen werden. Also direkt bestellen (von jedem opus so 20 Exemplare; die bist Du schnell los!) [Am Rand eingefügte Bemerkung: »Die zwei Verleger nicht verwechseln!«]
Neue Lieder (op 23) habe ich an Breitkopf gesandt, habe bis jetzt noch keine Nachricht; ich will sehen, was er zahlt.
In Bälde wird ein Lied „Wiegenlied“ [WoO VII/19] von mir erscheinen bei C. Ogg (Taubald’sche Buchhandlung) Weiden, bayerische Oberpfalz. Das Lied hat 2 Seiten. Ich schrieb es vor 8 Tagen. Der Buchhändler sah es u. bot mir gleich 50 M dafür, wofür ich es ihm gab.
Dieses neue Lied ist so einfach u. so melodiös, daß Du Deine helle Freude daran haben wirst. Ich gebe Dir noch Nachricht, wann es erschienen ist. Davon mußt Du gleich 20 Exemplare mindestens bestellen; die bist Du in 3 Tagen los!

NB. Über Richard Strauß bitte ich Dich, nicht zu spotten! R. Strauß ist ein hochgenialer Künstler, seit Brahms’ Tode der 1. lebende Komponist! Übrigens hat Strauß mir Aibl u. Forberg verschafft. Er muß mich Aibl riesig empfohlen haben, sonst hätte Aibl nicht so viel genommen. (Chorwerke mit Orchester etc., bedenke doch) Ich habe ihm als Zeichen meiner Dankbarkeit mein op 29 – eine große Fantasie u. Fuge für Orgel – gewidmet.
Vor einigen Tagen gab ich hier auch ein Konzert! Programm liegt bei u. Texte. Der Saal (sehr groß u. schön) war total voll, u. habe ich trotz der großen Kosten noch 170 M übrig behalten. Kritiken über dieses Konzert gingen durch fast alle größeren Blätter Bayerns! Hast Du Dir die Zeitungen aus Wesel, die ich Dir angab, besorgt! Selbe brauchst Du unbedingt zu Deinem Vortrag! NB. Besten Dank für den letzteren!
Nun habe ich noch eine Bitte an Dich. Ich habe wieder einige Gelder flüssig. Ich bitte Dich daher dasselbe Geschäft wie neulich nochmals zu übernehmen. Leider reicht es immerhin noch nicht aus, Deinen Chef u. Dich zu erledigen. Aber ich hoffe, Du u. Dein Chef creditiert mir schon noch ein paar Tage! Meine Alten dürfen jetzt noch nichts wissen, daß Du auch 25 M bekommst. Also warte Du noch ein Weilchen. Du bekommst es von mir mit Zinseszinsen! Bitte, schreib mir umgehend, ob Du das Geschäft wieder übernehmen willst. Du bekommst dann wieder eine Liste etc. Schreibe umgehend!
Herrn Voß kannst Du mal auf meine zweihändigen Bachübertragungen [RWV Bach-B1] aufmerksam machen! Er soll sie sich mal durchsehen!
Daß Bagensky’s nach Berchtesgaden ziehen, weiß ich schon lange. Sonst geht es mir gut.
In der letzten Woche habe ich wieder 9 Volkslieder für Männerchor [WoO VI/7] übertragen. Ich weiß noch nicht, an wen ich sie schicke.
Habe nochmals herzlichsten Dank für die Lieder!
Bitte; sei so gut u. bestelle die Walzer op 22, Fünf ausgewählte Volkslieder für Männerchor [WoO VI/6] bei Aibl u. op 24 u. op 26 bei Forberg direkt. Am 1. Februar erscheinen alle diese soeben angegebenen Werke.
Mit der Regerausstellung bitte ich Dich zu warten, bis meine op 27 u. 29 (Forberg) erschienen ist. Selbe kommen sicher 1. März. Von op 22, 24, 26 kannst Du getrost mehr (20) Exemplare je bestellen, da die Sachen nicht schwer sind! Wirst mal sehen, das ist feine Musik.

Mit besten Grüßen
und bestem
Dank
Dein
aufrichtig ergebener
Max Reger

Bitte Dich um umgehende Nachricht, ob Du das bewußte Geschäft übernehmen willst. Silentium darüber!

Object reference

Max Reger to Ernst Guder, Weiden, 23rd January 1899, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_postObj_01006323.html, last check: 16th June 2024.

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