Eugen d’Albert
–
- –
- –
1.
1.1.
1. Reger-Bezug
Eugen d’Albert konzertierte von 1883 bis in die 1890er-Jahre hinein fast jährlich mindestens einmal in Wiesbaden. Reger hörte den berühmten Pianisten nachweislich im Juni 1891 beim Mittelrheinischen Musikfest Beethovens 5. Klavierkonzert Es-Dur op. 73 spielen.1 Wahrscheinlich ist, dass er im Februar desselben Jahres bei einem der beiden Konzerte im Publikum saß, bei denen d’Alberts Ouverture zu Grillparzer’s »Esther« op. 8 im Wiesbadener Kurhaus aufgeführt wurde, die Reger 1894 für Klavier vierhändig bearbeiten sollte (d’Albert-B1, siehe unten).2
Reger hatte von d’Alberts Klavierspiel, das er in den Folgejahren sicherlich mehrmals erlebte, eine hohe Meinung. An August Grau, einen Vetter seiner Mutter, schrieb er Ende 1891: “Haben Sie E. d’Albert gehört – das ist mal ein wirklicher Musiker unter den Virtuosen – dagegen hat mir Ihr wiener Virtuose Rosenthal oder Rosenkranz ganz u. gar nicht gefallen. Lauter Oktaven u. wieder Oktavengeprassel” (Brief Regers vom 30. Dezember). Gleichzeitig lieferte er dem eigenen pianistischen Anspruch eine Messlatte, wie er 1893 seinem einstigen Lehrer Adalbert Lindner gegenüber bekannte: “Riemann sagte mir, wenn ich den D’Albert nicht unter kriegte, so wäre es meine Schuld; also man frisch los daran. Und so bin ich jetzt auf der Bahn des Klavierspielers angelangt – Composition Hauptsache selbstverständlich – u. es kommt mir etwas sehr zu statten, nämlich meine eisige Ruhe auf dem Podium” (Brief vom 15. Februar). Umgekehrt konnte Reger bereits im August 1893 vermelden, sich “vorläufig die Anerkennung einiger bedeutender Musiker” errungen zu haben, zu denen er auch d’Albert zählte (Brief vom 8. August 1893 an Anton Gloetzner). Im Herbst konkretisierte er: “Herr E. d’Albert interessiert sich sehr für meine Kompositionen u. hat dies in einem schmeichelhaften Brief an Dr. Riemann u. auch an mich bethätigt [recte: bestätigt].” (Brief Regers vom 31. Oktober 1891 an Otto Leßmann)3 Spätestens Anfang 1894 lernten sich beide auch persönlich kennen.4; hierauf gehörte d’Albert zum “Kreise solcher frei u. hoch denkender Künstler”, mit denen Reger nach seinem Konzertdebüt mit dem Geiger Waldemar Meyer Mitte Februar “einen sehr anregenden Abend verlebt” hatte. “Die Leute sind jetzt daran mir in Berlin eine Stellung zu schaffen. E. d’Albert ist die Liebenswürdigkeit selbst.”, berichtete er damals an Lindner in Weiden (Brief vom 8. März 1894).
Schon bald darauf kam es zum freundschaftlichen musikalischen Austausch. So berichtet der Wiesbadener Bekannte und spätere Dirigent Karl Hallwachs in seinen Erinnerungen an Max Reger: “Meine Frage war an ihn [Reger]: „Wie bringen Sie dieses Pianissimo heraus, das nur ein Hauch ist, und doch vollkommen deutlich plastischer Ton bleibt?“ Reger entgegnete komisch schmunzelnd: „Dasselbe hat mich schon Eugen d’Albert gefragt, als ich ihm Sachen von mir vorspielte.”.5 Im April 1894 bekam Reger dann von d’Albert die Klaviersonate fis-Moll op. 10, das Klavierkonzert E-Dur op. 11 und das zweite Streichquartett Es-Dur op. 12 (alle gedruckt 1893 bei Bote & Bock) zugesandt, nach deren Durchsicht er anmerkte: “Da soll man einer noch von der Schwierigkeit meiner Sachen reden, dann verweise ich ihn direkt auf die Werke Eugen d’Alberts.” (Brief vom 6. April 1894 an Adalbert Lindner). Im Gegenzug erhielt d’Albert von Reger “Bacharrangements” zur Begutachtung, bevor dieser sie bei Augener in London zum Druck einreichte (Brief Regers vom 13. September 1894 an Augener). Reger mag dabei nicht nur das Urteil des Interpreten, sondern auch das des Komponistenkollegen interessiert haben, zumal auch d’Albert als Bach-Bearbeiter in Erscheinung trat. Unter anderem war im März 1893 Präludium und Fuge D-dur BWV 532 in seiner Bearbeitung “zum Concertvortrage” auf den Markt gekommen6, knapp einen Monat, nachdem Reger seine eigene Konzertbearbeitung desselben Werkes im Wiesbadener Konservatorium gespielt hatte (siehe Bach-B1, Entstehung). Ob das von ihm wohl nochmals überarbeitete Manuskript im Paket war, das an d’Albert ging, ist nicht bekannt. Nachweislich befanden sich darin seine Bearbeitungen von Toccata und Fuge d-moll BWV 565 für Klavier zu zwei und vier Händen (Bach-B1 Nr. 1 bzw. Bach-B2 Nr. 2) und Präludium und Fuge D-Dur BWV 532 für Klavier vierhändig (Bach-B2 Nr. 1), für die d’Albert “eine brillante Empfehlung” (Brief Regers vom 23. Januar 1895 an Anton Gloetzner) ausstellte.7
Wohl im Auftrag d’Alberts erstellte Reger den vierhändigen Klavierauszug zur Ouverture zu Grillparzer’s »Esther« op. 8, die er evtl. im Februar 1891 in Originalfassung in Wiesbaden gehört hatte (siehe oben). D’Albert zeigte sich mit Regers Fassung (d’Albert-B1), die 1895, also sieben Jahre nach der originalen Orchesterfassung, bei Bote & Bock erschien, “sehr zufrieden” und nannte “die Bearbeitung ausgezeichnet” (Brief Regers vom 9. Dezember 1894 an Anton Gloetzner). Ab Ende 1894 komponierte Reger dann an einem Klavierkonzert f-Moll, das er d’Albert als Interpreten widmen wollte (WoO I/4). Das Werk sollte in Partitur “mindestens 120–150” Seiten lang werden und d’Albert in einer Abschrift für Solo- und Orchesterpartie (“als 2. Klavier arrangiert”) zur Verfügung stehen, “damit er’s im Sommer [1895] auch üben u. auswendig lernen kann” (Brief vom 5. März 1895 an Adalbert Lindner). Das Werk wurde nach mehreren Überarbeitungen vermutlich 1896 fertiggestellt, von seinem Verbleib ist jedoch nichts bekannt (siehe die Pageflow-Story des Reger-Instituts).
Noch im April 1898 erbat sich Reger von seinem prominenten Kollegen ein “Zeugnis” (Brief Regers vom 19. April 1898 an Heinrich Geist), d.h. ein weiteres Empfehlungsschreiben, da er auf eine Kapellmeisterstelle in Bonn reflektierte.8 In jener Zeit muss d’Albert den jungen Komponisten, der “kein geregeltes Leben mehr”9 führte und in eine Abwärtsspirale mit Depressionen und Alkoholeskapaden geraten war, auch in desolatem Zustand angetroffen und Regers Vetter Hans Koessler “mit unverhohlenem Ernst einmal ganz traurige Dinge von seiner Krankheit beziehentlich dortigem Dasein und seinem Trinken”10 erzählt haben, worauf die Familie beschloss, den Sohn heim nach Weiden zu holen.
Im späteren Jahren bestand zwischen beiden vermutlich nur noch ein sporadischer Kontakt und Reger äußerte sich vermehrt kritisch zu d’Alberts Kompositionen11 und später auch zu seinem Klavierspiel, das für Reger lange Zeit Vorbildcharakter besessen hatte.12 D’Albert scheint seinerseits nicht als Interpret von Regers Klavierwerken aufgetreten zu sein.
Object reference
Eugen d’Albert, in: Reger-Werkausgabe, www.reger-werkausgabe.de/mri_pers_00266.html, version 4.0, 18th December 2025.
Information
This is an object entry from the RWA encyclopaedia. Links and references to other objects within the encyclopaedia are currently not all active. These will be successively activated.